3 Persönliches Wissensmanagement und Weblogs

In Kapitel 2 wurde die Bedeutung nicht standardisierbarer Arbeitstätigkeiten vor dem Hintergrund individualisierter Wissensarbeit herausgearbeitet. Die Makroperspektive des (organisationalen) Wissensmanagements soll deshalb um eine Mikroperspektive ergänzt werden. Der Schwerpunkt soll dabei auf den Aktivitäten liegen, die Interaktionen mit entsprechenden IT-Werkzeugen einschließen. Eine solche an Praktiken und Handlungsrahmen orientierte Analyse wird beispielsweise von Orlikowski (Orlikowski 2001 & Barley: 159, Orlikowski & Yates 2006: 132 f.) eingefordert. Mir geht es insbesondere darum, die Potenziale und Grenzen der Weblogs in diesem Anwendungsfeld weiter auszuarbeiten. Konzepte zum persönlichen Wissensmanagement dienen dabei als ,Spiegelbild" zum organisationalen Wissensmanagement.

Ist es tatsächlich ,nur" die Abwesenheit organisationaler Zwecke die persönliches Wissensmanagement ausmacht? Oder handelt es sich um eine Priorisierung der Intentionen, wie Völkel (2007: 215) nahelegt, wenn er formuliert: , In PKM, content is first created for oneself, then shared with others [...] "? Und wie lassen sich die oben angesprochenen Aktivitäten beschreiben? Bei der Abhandlung der Antworten auf diese Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven soll schließlich auch der Begriff der Wissensweblogs1 geschärft werden.

3.1 Drei Entwicklungslinien des persönlichen Wissensmanagements

Das Thema persönliches Wissensmanagement ist bisher, im Vergleich zum organisationalen Wissensmanagement, in der wissenschaftlichen und wissenschaftsnahen Literatur relativ spärlich behandelt (Willfort & Koó 2007: 11) worden. Ich sehe, insbesondere für die ,werkzeugnahe" Beschäftigung mit dem Thema, drei größere Entwicklungslinien, die so meines Wissens noch nicht in Zusammenhang gebracht wurden. Dieser Logik folgt der Einstieg in das vorliegende Kapitel. Das Abprüfen der funktionalen Potenziale von Weblogs ergibt sich aus diesen Ursprüngen. Durch dieses historisch orientierte Vorgehen wird sichtbar, wie langsam sich mitunter Jahrzehnte existierende Visionen in breit implementierte (Informations-)Technik manifestieren.2

3.1.1 Hypertext-Schule - Struktur-Technologie

Das WWW besteht aus Hypertext (Nelson 1965)3 und Weblogs haben die Erstellung dieser Text-Technik-Kombination amateurisiert. Die informationstechnische Entwicklungslinie entsprechender Systeme ist seit ihrem Ursprung stark mit der Idee einer persönlichen Unterstützung der Informationsverarbeitung durch technische Apparate verbunden.

Vannevar Bush (1890-1974) beschreibt 19454 in seinem bekannten Aufsatz ,As We May Think" (Bush 1945) die Vision eines mechanischen Apparates, der das Verschlagworten, Nachschlagen und individuelle Verknüpfen von (wissenschaftlichen) Texten unterstützen soll.

Consider a future device for individual use, which is a sort of mechanized private file and library. It needs a name, and, to coin one at random, "memex" will do. A memex is a device in which an individual stores all his books, records, and communications, and which is mechanized so that it may be consulted with exceeding speed and flexibility. It is an enlarged intimate supplement to his memory. (Bush 1945, o.S., meine Hervorheb.)

Auslöser war die von Bush wahrgenommene, interdisziplinäre Informationsüberflutung von Fachexperten und Forschern.

The investigator is staggered by the findings and conclusions of thousands of other workers - conclusions which he cannot find time to grasp, much less to remember, as they appear. Yet specialization becomes increasingly necessary for progress, and the effort to bridge between disciplines is correspondingly superficial. (Bush 1945: o.S.)

Man erkennt den Wunsch nach einem umfassenden Zugriff auf alle Informationen, wobei mit ,all his books" vermutlich erworbene Werke anderer Autoren gemeint sind. Bush beschreibt bereits persönliche Lesepfade durch die eigene Bibliothek (,associative trails") sowie Kommentare und Annotationen. Verglichen mit ,As We May Think" wurden spätere Werke von Bush kaum rezipiert. In diesen setzte er sich kritisch mit zentralistischen Steuerungslösungen wie Bürokratien (,a troop of bibliographic bureaucrats") und Firmen auseinander.

I proposed a machine for personal use rather than the enormous computers which serve whole companies. (Bush zit. in Wright 2007: 200)

Bush legte den Schwerpunkt auf eine Lösung für den Information Overload, welche sich unter persönlicher Kontrolle befindet. Als technische Elemente kennt seine Vision Annotationen und robuste Referenzen (Permalinks), letztere allerdings nur auf der Ebene bibliografischer Datensätze (,records") und nicht für Absätze, Sätze oder gar Wörter. In jedem Fall aber stellte sich Bush die / den5 Memex als ein Werkzeug vor, welches nicht nur zur Rezeption von Inhalten dienen sollte, sondern auch zur Annotation und Produktion.

Ted Nelson (*1937) gilt als der Erfinder der Bezeichnung Hypertext (Nelson 1965). Sein Konzept eines idealen Hypertext-Systems ,Xanadu" ging bereits in den 60er Jahren an Funktionalität und Konsistenz über das heute existierende WWW hinaus.6 Seine Umsetzungsversuche kamen jedoch über das Prototypen-Stadium nicht hinaus. Wolf (2003) schildert die facettenreichen Umstände dafür in einem Essay mit dem bezeichnenden Titel ,The Curse of Xanadu". Als Prototyp konnte das System nie annähernd die notwendige Adoption finden, die für eine tatsächliche Verbreitung notwendig gewesen wäre, obwohl die Konzepte und Kriterien der ,xanalogical structure" (Müller-Prove 2002: 16) auf ein weltweites System zielten. Es könnte sein, dass es die von Nelson anvisierte hohe Konsistenz (robuste Versionen, keine ungültigen Hyperlinks) des weltweiten Hypertexts war, die eine entsprechend schnelle Adoption verhindert hat. Zum Erreichen dieser Konsistenz wäre eine stärkere Koppelung der verteilten Systeme (Tanenbaum & van Steen 2007) erforderlich gewesen. Die dafür notwendigen Abstimmungen verlangsamen typischerweise eine globale Ausbreitung.

HTML is precisely what we were trying to PREVENT-- ever-breaking links, links going outward only, quotes you can't follow to their origins, no version management, no rights management. (Nelson 1999)

Selbst die Vorwegnahme von Copyright-Aspekten und Bezahlmechanismen für Kleinstbeträge konnte die Umsetzung der Konzepte nicht ausreichend fördern. Auch bei Nelson findet sich ein stark emanzipatorisches Moment (Obendorf 1996: 11) im Rahmen einer ,technotopische Vision", in der Computer auch technische Laien als (Text-)Schaffende ermächtigen (Wright 2007: 212). Diese Forderung ist für ihn ein ,humanistisches" Anliegen,7 welches ihn zu nachhaltiger und oft sehr anschaulicher Technologiekritik veranlasst (vgl. Nelson 2009).

Why are video games so much better designed than office software? Because people who design video games love to play video games. People who design office software look forward to doing something else on the weekend. (Nelson 1999)

Wesentlich mehr Implementierungserfolg war den Ideen und Konzepten in einem System beschieden, das 1968 von Doug Engelbart (*1925) als oNLine System (NLS) bei eine berühmten Systemdemonstration8 der Öffentlichkeit vorgeführt wurde. Es kann wegen seiner grundlegend auf Kollaboration ausgerichteten Funktionalitäten als Vorläufer späterer Groupware-Systeme charakterisiert werden. Was die Adressierung feingranularer Textelemente angeht, dürfte es auch der heutigen Implementierungswirklichkeit voraus sein. Im Rahmen dieses Projektes wurde u.a. die Computer-Maus erfunden. Auch bei Engelbart bildete der Wunsch nach der ,Verstärkung" des menschlichen Denkens durch IKT-Werkzeuge den werte- und zweckbezogenen Überbau (,Augmenting Human Intellect", Engelbart 1962, zit. nach Müller-Prove 2002: 7).

Basierend auf einem Projekt von Tim Berners-Lee verabschiedete das Forschungszentrum CERN im Jahr 1991 die dem heutigen WWW zugrunde liegenden Protokolle und Formate URL, HTTP und HTML. Ein wichtiger Schritt bestand darin, die Nutzung der Protokolle freizugeben.9 Die ersten Webbrowser (ab 1990) mit einer grafischen Nutzerschnittstelle waren gleichzeitig Hypertext-Editoren für die HTML-Seiten (Müller-Prove 2002: 34). Die zugrunde liegenden Protokolle unterstützen jedoch eine Bearbeitung durch Dritte nicht gut, so dass das Web in den 90er Jahren die meisten Nutzer als ,rein passives Erlebnis" erreichte (Möller 2005: 35). Die heute verbreiteten Webbrowser haben keine eingebaute Editierfunktionalität mehr.

Das HTML-basierte WWW kann damit bis heute nur einen kleinen Teil der bei Bush, Nelson und Engelbart beschriebenen Funktionalitäten anbieten. Vor dem Hintergrund der beschriebenen Konzepte wird die Bedeutung der im Web 2.0 üblichen deeplinks10 und Permalinks auf der Basis dynamischer Web-CMS erkennbar.

Erweiterte Funktionalitäten versprechen seit einigen Jahren die Proponenten des Semantic Web, zu denen auch der Erfinder des WWW, Tim Berners-Lee, selbst gehört (Berners-Lee 2001). Die Implementierungswirklichkeit ist auch hier hinter den Versprechen der weltweiten Community zurückgeblieben (Gradmann 2008). Technisch betrachtet besteht das Semantic Web aus bestimmten Speicherformaten (XML, RDF, etc.), die offenen Standardisierungsprozessen unterliegen. Hierin könnte, zumindest langfristig, ein entsprechendes Adoptionspotenzial seitens der Software-Entwickler begründet sein.

Am individuellen Nutzer orientierte Ansätze dieser neueren Entwicklungen finden sich aktuell in Projekten wie Haystack,11 Semantic Desktop12 (Sauermann, Bernardi & Dengel 2005; Sauermann et al. 2009), Nepomuk,13 oder bei Max Völkel (2009).

Auf welche Akzeptanz diese konkreten Werkzeuge - und damit die zugrunde liegenden Technologien - treffen, ist noch offen. Bezeichnend für diese Entwicklungslinie ist, dass sich trotz des ursprünglichen Überbaus an Nutzer-Emanzipation relativ wenig Modellierung der Interaktion dieser Nutzer mit den Werkzeugen oder ,Dokumenten" findet. Die Modellbildung bezieht sich im Wesentlichen auf die technisch-logische Repräsentation der zu speichernden Textelemente und deren Verknüpfungen.

3.1.2 PIM und PKM - Aktivitätsschule

Um die Nutzung von IT-Werkzeugen als Handlungspraktiken und Handlungsmuster zu beschreiben, ist eine entsprechende Modellierung und damit eine Abstraktion der Interaktion des Nutzers mit diesen Werkzeugen notwendig. Wie sehen diese, werkzeuggestützten, Basis-Interaktionen des Wissensmanagements auf individueller Ebene aus? Entsprechende Fragestellungen werden am ehesten unter dem Begriff des Personal Information Management (PIM) erforscht. Landsdale (1988: 55) versteht unter PIM , the methods and procedures by which we handle, categorize, and retrieve information on a day-to-day basis ". Mit dem Fokus auf die alltäglichen Aktivitäten wird, quasi per definitionem, eine Anbindung an die reale Handlungspraxis gefordert.

Lehel (2007: 14) betont den Unterschied zum (betrieblichen) Informationsmanagement, bei dem der Umgang mit Informationen am persönlichen Arbeitsplatz im Vordergrund steht.14 Die Begriffsbildung (PIM vs. Informationsmanagement) spiegelt die aktuelle Sprachpraxis wieder. Ob eine solche Abgrenzung allerdings zukunftsfähig ist, ist angesichts der Durchdringung des Alltags mit vernetzten und mobilen IT-Gerätschaften auch im persönlichen Umfeld fragwürdig.

Auch wenn die Begrifflichkeit des Personal Knowledge Management (PKM) noch nicht dem PIM vergleichbar etabliert ist, so tendieren englischsprachige Texte zu einem PKM-Begriff, der dem PIM nahe kommt, da sich die Autoren überwiegend mit der Handhabung (,Management") digital explizierten ,Wissens" beschäftigen.

When is PKM needed? It must become part of a routine and used whenever working with information and knowledge in the processes of creating, acquiring, evaluating, assessing, organizing and storing, cataloging and indexing, and retrieving from personal memory (whether from your mind or computer storage). [...] Where is PKM needed? In dealing with paper documents, electronic documents, Web bookmarks, or one's home library. One schema can be made to work for all. (Frand & Hixon 1999).

Eine tragfähigere Unterscheidung von Personal Knowledge Management und Personal Information Management würde eine fundierte erkenntnistheoretische Abstützung auf einer Unterscheidung von Information und Wissen erfordern (vgl. 1.2.2), die in der hier beschriebenen Entwicklungslinie noch nicht etabliert ist. Ihre Stärken liegen in einer verhaltensorientierten Beschreibung individueller Prozesse in der Interaktion mit digitalen Werkzeugen. Erste Ansätze zu einer modellhaften Beschreibung von Aktivitäten des persönlichen Informationsmanagements finden sich bereits in einschlägigen Definitionen wieder (vgl. auch oben, Landsdale 1988: 55).

Personal Information Management (PIM) refers to both the practice and the study of the activities people perform in order to acquire, organize, maintain and retrieve information for everyday use. (Jones & Bruce 2005: 2; meine Hervorhebung)

Im Prinzip handelt es sich um Differenzierungen eines Input-Storage-Output Modells (Jones & Bruce 2005: 10), die unterschiedlich weit konkretisiert werden und meist aus Aktivitätslisten hervorgehen. Solche Listen finden sich beispielsweise bei Tsui (2002, creation, codification, classification, search and filter, share), Dorsey (2004, retrieving, evaluating, organizing, analyzing, presenting, securing, collaborating around information), Jones und Bruce (2005, keeping, finding, maintenance and organization) sowie Lehel (2007, acquire, organize, retrieve and use, disseminate). Eine prozessorientierte Darstellung (Abbildung 10) findet man bei Back (2007), die auf Collins (2004) zurückgreift. Dort wird insbesondere der Selektionsaspekt (Filterung / Auswahl) aufgenommen, den viele andere Zusammenstellungen vermissen lassen.

Auch hier ist die Abgrenzung von Wissen und Information nicht trennscharf. Wo ist das Individuum? Sind Input und Output Schnittstellen zu realen, psychischen oder technischen Systemen, oder handelt es sich um rein abstrakte Prozessphasen? Wird Informationsverarbeitung mit Wissensgenerierung gleichgesetzt und wo, auf welchem ,Substrat" laufen diese Prozesse ab? An diesen und ähnlichen Abgrenzungsschwierigkeiten leiden die meisten Modelle der PIM-Schule, die durch den Wissensmanagement-Diskurs inspiriert wurden.

Strukturelle Vorstellungen, als Komplement zu den modellierten Aktivitäten, werden auch in dieser Entwicklungslinie zunehmend thematisiert. Die Verknüpfung und Integration von einem oder mehreren persönlichen Speichermedien (repositories) wird beispielsweise unter dem Schlagwort ,Unified PIM Support" (Jones & Bruce 2005: 30) diskutiert. Die Speicherung der Inhalte dient funktional letztlich dazu, die als relevant erkannten Informationsressourcen durch ,information inventory control strategies" (Lehel 2007: 19; Kirsh 2000) unter Kontrolle zu bekommen.

Often people will feel better when they have control over how and where their files are stored and who has access to them. This is important with ,unfinished" and private things but it is also about taking ownership of intellectual assets. (Böttger 2005: 41)

Der Begriff der ownership verdient besondere Beachtung. Hier kann zunächst eine verbesserte Verfügbarkeit und damit ein hohes Maß an Kontrolle bezogen auf faktische Bearbeitung gemeint sein. Zumindest nach deutschem Rechtsverständnis können bestimmte Rechte (Urheberrechte) beispielsweise nicht durch ein lokales Speichern angeeignet werden.

Trotz dieser Annäherung über die Auseinandersetzung mit persönlichen Repositories gibt es in Richtung Hypertextschule ein ,missing link", das durch die geforderte Anbindung an die Alltagspraxis bedingt sein dürfte. Bevor eine Harmonisierung oder Interoperabilität der objekt-internen (Hypertext-)Strukturen in den Blick kommt, ist zunächst die Vielfalt an Programmen selbst sowie deren unterschiedliche Speicherformate und Semantiken ,in den Griff zu bekommen" (vgl. 3.3.1, Orchestrierung).

3.1.3 Pädagogisch-psychologische Schule

Eine ebenfalls relativ junge Entwicklungslinie (vgl. ) lässt sich in der pädagogisch-psychologisch verwurzelten Forschung erkennen und geht insbesondere auf die Arbeiten von Reinmann(-Rothmeier) und Mandl (2000, 2004, 2008) zurück.15 Zunächst handelte es sich um das Aufgreifen eines technisch und ökonomisch geprägten Wissensmanagement-Begriffs aus pädagogisch-psychologischer Perspektive (Reinmann 2005b: 4). Neben der institutionellen Adoption von Wissensmanagement durch Schulen und Hochschulen ist die individuelle Betrachtungsebene, , der persönliche Umgang mit Wissen, also das individuelle Wissensmanagement " (Reinmann 2005b: 5) zentraler Betrachtungsgegenstand (vgl. auch Reinmann-Rothmeier & Mandl, 2000; Reinmann 2005a). Als Ziel wird formuliert:

Der Einzelne soll seine individuellen Wissensprozesse verändern und verbessern. Dazu muss er sein Wissen und Wissensprozesse verstehen und eigene Strategien entwickeln. (Reinmann 2005b: 5)

Reinmann (2008: 1) merkt weiterhin an, dass es sich hierbei um genuin psychologische Fragen handelt, welche auch als solche methodisch und konzeptionell entsprechend zu erforschen seien. Über diesen Weg findet eine Anbindung an Kognitionspsychologie, Motivationspsychologie und vor allem lernpsychologische Konzepte statt. Die in diesem Rahmen untersuchten ,Prozesse" umfassen damit zusätzlich innere (mentale, psychische) Vorgänge.

Letzteres stellt eine erhebliche Erweiterung für Beschreibung und Modellierung dar. Andererseits kann auf Konzepte der aufgerufenen Disziplinen, beispielsweise der Metakognitions- und Lernstrategieforschung, zurückgegriffen werden (Reinmann 2005a: 11). Deren Integration stellt eine eigene theoretische Herausforderung dar. Das in Abbildung 11 dargestellte Modell kann somit als übergeordneter Beschreibungsrahmen16 für die im letzten Abschnitt beschriebenen Aktivitäten dienen (Quadranten: material-rezeptiv und material-produktiv). Bei dieser Darstellung werden Austauschprozesse danach unterschieden, ob sie mit einer materialen Umwelt oder mit anderen Personen stattfinden. Grundlegend wird zwischen rezeptiven und produktiven Aktivitäten unterschieden. Paradigmatisch und als ,Ort" der inneren Aktivitäten wird die Person ins Zentrum des Geschehens gestellt. Die inneren Prozesse bzw. Basisprinzipien (Reinmann & Eppler 2008: 43 ff.) werden hier nicht weiter ausgeführt. Zugrunde liegt das in 1.2.3 eingeführte strukturgenetische Wissensverständnis.

Vor diesem Hintergrund kann man persönliches Wissensmanagement vorläufig als ein systematisches Unterfangen eines Individuums bezeichnen, mit Hilfe von Methoden, einschließlich geeigneter Werkzeuge, personales und öffentliches Wissen so zu handhaben, dass bestimmte Ziele erreicht werden. (Reinmann & Eppler 2008: 31)

Die Verbindung dieses Wissensbegriffs mit den Prozesskategorien des Münchner-Modells (Reinmann-Rothmeier 2001) wird in Reinmann (2005a) hergestellt. Eine entsprechende Zuordnung zum eigenen Modell in 2.4.2 (Abbildung 8) ist leicht möglich, wenn man Kodifizierung mit Wissensrepräsentation gleichsetzt und Wissenskommunikation als Oberbegriff für Konversation und Replikation (Verteilen) versteht. Letzteres stellt eine Differenzierung dar, die in Reinmann (2005a: 14) bereits so beschrieben ist. Die Gleichsetzung (Kodifizierung = Wissensrepräsentation) neigt zur persistenten Materialisierung in digitaler Form, was dem Schwerpunkt meiner Arbeit entspricht. Gesprochene Sprache als ,flüchtiges" Geschehen wird in den Bereich der Wissenskommunikation verschoben.

Eine stark praxisorientierte Auseinandersetzung zu diesem Thema fand im Jahre 2004 statt (Guretzky 2004), leidet aber unter der fehlenden theoretischen Fundierung und Nachverfolgung. Auch in diesem Umfeld wird deutlich, dass sich diese ,deutsche Schule" stärker mit (persönlichen) Ziel- und Strategiefragen der persönlichen Wissensentwicklung beschäftigt, also zusätzlich Fragen des 'Warum oder Wozu' diskutiert werden und nicht nur des 'Wie und Womit'. Ansatzweise wird auch die Frage nach dem 'mit Wem' aufgegriffen, denn das eigene persönliche Netzwerk aus Freunden und Bekannten zählt zur sozialen Wissensumwelt und kann entsprechend aktiviert werden.17

[...] ähnlich wie beim organisationalen Wissensmanagement (vgl. Abschnitt 1) - nicht davon ausgegangen werden, dass die neuen Medien quasi automatisch dabei helfen, diejenigen Probleme zu bewältigen, an deren Verursachung sie selbst beteiligt sind. Vielmehr geht es darum, generelle Strategien im Umgang mit Information und Wissen zu entwickeln und dabei auch die Potentiale der neuen Medien intelligent und zielsicher zu nutzen. (Reinmann-Rothmeier 2000: 30)

In eine ähnlich umfassende Richtung gehen jüngere Ansätze um das Schlagwort der ,Personal Learning Environment" (PLE). Auch in diesem Diskurs ist zu erwarten, dass sich sowohl stark informationstechnisch geprägte Interaktionsmodellierungen als auch (wenige) lernpsychologisch orientierten Beschreibungen gegenüberstehen und sich, günstigenfalls, ergänzen (Fiedler & Pata 2009: 151).

Da einerseits die Publikationen dieser Schule überwiegend in Deutsch vorliegen,18 andererseits die deutschen PKM/PIM-Forscher der Activity-School (3.1.2) überwiegend auf Englisch publizieren (Böttger 2005, Völkel 2007, Völkel 2009), hat eine wechselseitige Rezeption bisher kaum stattgefunden.

3.2 Integrierendes Aktivitätsmodell digital unterstützter Wissensarbeit

Wie kann nun digitale Wissensarbeit sinnvoll durch Informationswerkzeuge unterstützt werden? Eine Antwort auf diese Frage sollte die aus der Betrachtung der ,Schulen" gewonnenen Erkenntnisse berücksichtigen, idealerweise zusammenführen und empirisch gestützt sein. Im Jahr 2005 habe ich deshalb, zusammen mit Magdalena Böttger, eine kleine empirische Studie durchgeführt, die sich mit der Vielfalt und Modellierung von entsprechenden Arbeitsflüssen beschäftigte. Befragt wurden die Mitarbeiter einer zentralen Forschungsabteilung der Siemens AG. Der folgende Integrationsversuch eines Modells zum persönlichen Informationsmanagement in das Rahmenmodell des persönlichen Wissensmanagements (3.1.3) entstand später. Die beschriebenen Aktivitäten passen jedoch zu der in Böttger (2005) publizierten Zusammenschau von wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Texten sowie den geführten Interviews mit Wissensarbeitern. Häufig lässt sich auch eine Ad-hoc-Validierung an den eigenen Erfahrungen im Umgang mit Informationsressourcen herstellen.

3.2.1 Eigenes Aktivitätsmodell

Das in Abbildung 12 dargestellte Modell ist letztlich eine Ausdifferenzierung des Trivialmodells: Input-Process-Output. Durch seine lineare Darstellung bewahrt es sich eine anwendungsnahe Anschaulichkeit, die in reinen Strukturmodellen (Back & Heidecke 2008) und Mischformen (Efimova 2004, Böttger 2005) eher verloren geht.

Als Input-Aktivitäten können zunächst unterschiedliche Such-Vorgänge (im weiteren Sinne) unterschieden werden. Die Benennung ,finden" möchte ich für das (Wieder-)Auffinden eines Informationsobjektes verwenden, von dem der Akteur weiß, dass es existiert. Filtern / verfolgen bezieht sich auf das Beobachten von Kanälen, also übergeordneten Strukturen, die man als interessant oder wertvoll markiert hat. Bei einer begrifflichen Hinterlegung von ,finden" im oben genannten Sinne, ist die Bezeichnung ,suchen" nun frei, für den Versuch, Ressourcen aufzufinden, von denen man erwartet, dass es sie gibt, deren genaue Ausgestaltung dem Suchenden aber unbekannt ist. Beispiel wäre die Suche nach einer Präsentation zum Einsatz von Weblogs im persönlichen Wissensmanagement. Eine solche Suche führt vermutlich zu verschiedenen Treffern und ist meist der Einstieg in einen iterativen Prozess, der in vielen Fällen nach dem Auffinden des ersten passenden Artefakts beendet wird ('first pattern match', Firestone 2009), welches den (meist impliziten) Gütekriterien der aktuellen Arbeitsaufgabe entspricht. Explorieren meint eine noch freiere Form des thematischen Einstiegs. Sofern entsprechende Navigationsstrukturen vorhanden sind, werden, oft als Ersatz oder in Ergänzung zur Suche, Informationsobjekte nacheinander zur Anzeige gebracht, bis eine entsprechende Ressource gefunden ist. Die offenste Form des Kontakts mit einem Informationsobjekt stellt schließlich das Phänomen der Serendipity dar. Es bezieht sich auf das glückliche, scheinbar zufällige Auffinden eines als wertvoll eingeschätzten Artefakts, ohne dass eine gezielte Suche vorangegangen ist (Jonas-Verlag 2008).

Alternativ kann ein Informationsobjekt neu erstellt werden, ohne auf anderen Artefakten aufzubauen. Im Englischen gibt es hierfür die Bezeichnung ,from scratch", also etwas ,von Grund auf", ,mit einem Kratzer" beginnen.

In den vielen digitalen Workflows gibt es so etwas wie die Entscheidung, ein bestimmtes Artefakt zu ,erfassen". Was das im Einzelnen technisch heißt, ist schon nicht mehr eindeutig beschreibbar. Häufig bedeutet es das Anfertigen einer ,lokalen" Datenkopie, wobei sich ,lokal" beispielsweise auf den Massenspeicher des eigenen PC's bezieht. Im Falle der Lokalkopie besteht meist der Wunsch, eine Referenz auf die Quelle mit zu verwalten. Möglicherweise sollen nur Teile des gefundenen Objekts erfasst und kopiert werden. Dann ist eine Quellen-Referenz besonders wichtig. Alternativ kann das gesamte gefundene Objekt referenziert werden. Es wird dann nur eine Referenz auf das Zielobjekt gespeichert. Die geläufigste Form der Referenz ist heute die URL (Obendorf 2006), die als Lesezeichen entweder lokal oder bei einem Online-Dienst gespeichert werden kann. Solche Referenzen benötigen kaum Speicherplatz und haben einen gewissen Universalitätscharakter19 entwickelt. Je mehr serverbasierte Web-Anwendungen über deeplinks gesteuert werden, desto mehr des persönlichen Informationsmanagements lässt sich zunächst über URLs abwickeln. Es soll erstens festgehalten werden, dass der Faktor Granularität bereits beim Schritt erfassen eine wichtige Rolle spielt, und zweitens, die Lokalkopie zunächst die Funktion hat, die persönliche Verfügbarkeit eines Artefakts zu erhöhen (Böttger 2005: 45). Letzteres klingt vielleicht trivial, wird in technisch orientierten Diskussionen aber oft übersehen, da dort meist die Suche nach der möglichst einmaligen, weil redundanzfreien und technisch ,richtigen, Speicherung (Ort, Format) im Mittelpunkt steht.

Je nach Vorgehensweise hat man nun ein (kopiertes) Artefakt oder eine Referenz (Link), welches annotiert werden kann. Annotieren verwende ich in diesem Zusammenhang als Oberbegriff für Bearbeitungsaktivitäten, die sich an einem Objekt festmachen lassen und deren Ergebnisse auch nur im Kontext dieses Artefakt sinnvoll rezipiert werden können.20 Auch hierbei ist die Frage der Granularität wichtig. Je nach verwendetem System und technischem Format lassen sich entweder feingranulare Elemente (Worte, Sätze, Absätze, Abschnitte) annotieren oder nur das gesamte Artefakt. Übliche Formen der Annotation sind das Markieren von Passagen (virtueller Textmarker), das Versehen mit Schlagworten (taggen), das Anbringen von Kommentaren im oder am gesamten Objekt, oder schließlich das direkte Editieren des Artefakts.

Schließlich kann das bearbeitete Artefakt ,publiziert" werden, also einem Kreis von potenziell Interessierten zugänglich gemacht werden. Der entsprechende Prozessschritt ist im Modell mittlerweile durch eine gestrichelte Linie dargestellt, da er zunehmend mit der Wahl eines des Werkzeuges oder der Plattform zusammenfällt, auf der Artefakt oder Referenz gespeichert werden. Die Entscheidung fällt dann bereits im Schritt erfassen und ist stark von den voreingestellten Zugriffsrechten der verwendeten Web-Applikation abhängig. Dennoch halte ich auf dem aktuellen Forschungsstand an einem Publikationsschritt fest, und sei es nur als Hinweis auf die entsprechende Entscheidung des Nutzers (vgl. 3.3.4).

Zusätzlich sind in Abbildung 12 fünf strukturelle Aspekte aufgeführt, die in konzeptionellen Überlegungen und in der explorativen Empirie von Böttger (2005) wiederholt sichtbar wurden. Sie sind grob den Prozessschritten zugeordnet, beeinflussen aber auch den gesamten Prozess bzw. übergeordnete Werkzeug-Entscheidungen.

Ein Überfluss an prinzipiell verfügbarer Information kennzeichnet heute beinahe jede Form von Wissensarbeit. Die Möglichkeiten des Web 2.0 sind zu einem Treiber eines web of abundance (vgl. Weinberger 2002b) geworden, und die Fähigkeit, in geeigneter Weise, vorhanden Information zu selektieren, ohne sich in der Vielfalt zu verlieren, wird zu einer der Schlüsselkompetenzen in der Informationsgesellschaft. Verfügbarkeit bezieht sich auf den Wunsch, im Rahmen eines persönlichen Informationsmanagements auf Informationsobjekte möglichst jederzeit für unterschiedliche Arbeitsaufgaben zugreifen zu können. Die seit Jahren propagierte Vision, immer online sein zu können, ist bis heute keine verbreitete Lebens- und Arbeitswirklichkeit.21 Das verfügbar Machen bezieht sich aber auch darauf, die Informationsobjekte so zu speichern, dass die erwünschte Bearbeitung ermöglicht wird.

Mit dem Faktor Granularität ist die ,Einheit" von Informationen angesprochen, auf der eine Annotation (s.o.) stattfinden kann. Die Konzepte der unter 3.1.1 beschriebenen Hypertext-Schule forderten und implementierten teilweise wesentlich feingranularere Bearbeitungsmöglichkeiten, als dies heute Stand der (verbreiteten) Technik ist. Aktuellere Arbeiten von Kienle (2003: 125) und jüngst Völkel (2007) widmen sich wieder verstärk diesem Aspekt.

Originalität soll im Zusammenhang mit dem vorgestellten PIM-Prozessmodell darauf verweisen, dass ein Artefakt unterschiedlich intensiv (,tief") bearbeitet werden kann und damit in unterschiedlich starker Weise das Wissen des Bearbeiters repräsentiert. Ein (längeres) Synonym für diese Idee wäre Bearbeitungstiefe, in Anlehnung an die Fertigungstiefe in der industriellen Produktion.

Schließlich verweist Zugänglichkeit auf den Kreis von Personen, der potenziell lesenden Zugriff auf das, ggf. bearbeitete, Artefakt hat. Im Rahmen offener Internetplattformen ist dies häufig jede Person mit Internetzugang und einem Webbrowser, die eine URL kennt oder auffinden kann.

Auf einer übergeordneten Ebene lassen sich die Aktivitäten als Selektion, Annotation und Publikation zusammenfassen, wobei der gesamte ,Mittelteil" dann als Annotation im weiteren Sinne zu bezeichnen ist. Das damit vorgestellte Prozessmodell des persönlichen Informationsmanagements ist differenzierter als ein einfaches Input-Output-Modell und bietet eine noch überschaubare Anzahl von Teilaktivitäten, wie sie in der Interaktion mit persönlichen IT-Anwendungen heute möglich und üblich sind. Es hat sich im Rahmen mehrjähriger Introspektion und Beobachtung auch als umfassend im Hinblick auf verschiedene Analysezwecke erwiesen.

3.2.2 Integration in das PKM-Rahmenmodell

Das so entwickelte Aktivitätsmodell lässt sich in das unter 3.1.3 beschrieben Rahmenmodell zum persönlichen Wissensmanagement einpassen, da es als Differenzierung der Interaktionen mit der digital-materialen Wissensumwelt verstanden werden kann. Das Modell von Reinmann und Eppler (2008) wird dazu zunächst um 90° nach rechts gedreht, um eine horizontale Lage des linear orientierten Prozessmodells zu ermöglichen (Abbildung 13). Die veränderte Form der Pfeile soll auf den immer wichtiger werdenden Aspekt der Selektion hinweisen. Beim Erschließen von Informationen werden Selektionsleistungen erbracht, die kaum überschätzt werden können.22 Aus einem ,Universum" von Artefakten wird eines ausgewählt und dieses in hochselektiver Weise bearbeitet. Auch beim Materialisieren wird eine von vielen Möglichkeiten aktualisiert. Analoges gilt für den hier nicht ausdifferenzierten Teil der sozialen Umwelt.

Schließlich wird das Modell aus Abbildung 12 in das Rahmenmodell von Reinmann und Eppler (2008) eingepasst (Abbildung 14). Die strukturellen Aspekte (s.o.) werden zu Gunsten der Übersichtlichkeit weggelassen. Es existiert somit ein hinreichend differenzierter Bezugsrahmen für persönliches Informationsmanagement, welcher im persönlichen Wissensmanagement verortet ist.

3.3 Weblogs als Werkzeuge eines Persönlichen Wissensmanagements

Auf der Grundlage der vorgenommenen Modellierung individueller Interaktionen stellt sich die Frage, welches Potenzial (persönliche) Weblogs als Werkzeug für das persönliches Informationsmanagement eines Wissensarbeiters entfalten können.

3.3.1 Werkzeugbegriff

Die Bezeichnungen Instrument, Werkzeug, Methode werden sowohl in der Wissensmanagement-Praxis als auch in der entsprechenden Literatur unscharf verwendet (Reinmann 2005a: 16). Roehl (2000: 156) fasst den Instrumentenbegriff genauer und fordert, dass Instrumente oder Werkzeuge23 explizit beschreibbar sind, absichtsvoll und für Dritte nachvollziehbar eingesetzt werden sowie auf Objekte angewendet werden. Er betont, dass die Nutzung von Werkzeugen Ausdruck der Absicht ist, ein Ziel zu erreichen, welches ohne den Werkzeugeinsatz nicht (Roehl 2000: 154) erreicht werden könnte. Andererseits entwickelt der Instrumenteneinsatz auch eine Eigendynamik, die eine kreative Aushandlung von Zielen ermöglicht. Es werden Probehandlungen erleichtert, ,die ihre Ziele vorweg so wenig kennen wie die Pinselführung des Malers" (Waldenfels 1990: 145 zit. nach Roehl 2000: 155). Diese Erleichterung und Ergebnisoffenheit scheint für Werkzeuge zur Informationsbearbeitung noch weitgehender zu gelten, als für mechanische Werkzeuge. Erstere können durch die zunehmende Verbreitung offener technischer Standards leicht kombiniert werden, was Erleichterungen für persönliche Workflows verspricht und Auswirkungen bis hin zu Geschäftsmodellen hat (mashup corporations, Mulholland et al. 2006).

Während Roehl (2000) also insbesondere auf immaterielle Instrumente24 abhebt (,konzeptuelle Mittel"), konzentriert sich die vorliegende Arbeit auf das IT-Werkzeug Weblog. Die im Zusammenhang mit diesem Werkzeug entstehenden Handlungsstrukturen werden als Praktiken, Nutzungsmuster, Nutzungsformen oder Routinen bezeichnet.25 Sie werden also insbesondere nicht unter das Werkzeug Weblogs subsumiert. Was die von Roehl geforderte Nachvollziehbarkeit des Instrumenteneinsatzes angeht, so ergibt sich für Weblogs ein interessanter Aspekt. Durch die Offenheit der Kommunikation ist auch der Werkzeugeinsatz für Dritte transparent. Beobachter sehen also nicht nur die publizierten Inhalte, sondern auch, wie das Werkzeug verwendet wird. Ob im Zusammenhang mit Wissensarbeit hier von einer ,angemessen Standardisierung" (Roehl 2000: 157) gesprochen werden kann, ist fraglich. Eine gewisse technische und funktionale26 Standardisierung trifft mit Sicherheit auf das Medium Weblogs zu. Bei den Nutzungsmustern sollte vor dem Hintergrund der Charakterisierung von Wissensarbeit (vgl. 2.5.1) nicht von Standardisierung gesprochen werden, sondern von technisch-funktionaler Rahmung.

Eine letztes Attribut, welches Werkzeugen im Zusammenhang mit Wissen und Lernen zugeschrieben wird, schlägt sich in der Bezeichnung kognitives Werkzeug nieder (Jonassen & Reeves 1996). Die Idee und sogar die Wortverwendung (,augment") kann als Brücke zu der in 3.1.1 beschriebenen Hypertext-Schule dienen.27

JONASSEN and REEVES (1996) have used the term ,cognitive tool, relatively early in the context of the American research on educational technology to show that we can augment our mental operations, our cognitive learning processes, with interactive technology; therefore the tool metaphor. (Vohle 2009: 8).

Eppler (2004: 254) definiert den Begriff des kognitiven Werkzeugs zwar immateriell und spricht von ,Vorgehen", fordert aber zusätzlich, dass eine externe (Wissens-)Repräsentation die Denkprozesse nachvollziehbar unterstützt, im Sinne einer Beschleunigung, Qualitätsverbesserung oder Nachvollziehbarkeit. Diese Bestimmungsstücke sind in hohem Maße anschlussfähig an die Begründung von Nutzenpotenzialen persönlicher Weblogs im Unternehmensansatz.

Diese kurze Begriffseinführung zeigt, dass sich Weblogs als kognitive Werkzeuge gut theoretisch begründen lassen. Dem Aspekt der Kombinierbarkeit mit anderen Werkzeugen kommt eine besondere Rolle zu, die nun betrachtet werden soll.

3.3.2 ,Werkzeugorchester" - Formatvielfalt, Übergänge und Medienbrüche

Zumindest im Zusammenhang mit persönlichen IT-Instrumenten sind wissenschaftliche Untersuchungen über deren Zusammenspiel (landscapes, Fiedler & Pata 2009) noch selten. Im Software-Engineering hat sich die metaphorische Bezeichnung ,Orchestrierung" verbreitet, die auch im Zusammenhang mit Werkzeugen des persönlichen Informationsmanagements fruchtbar sein könnte. Denn selbst wenn eine relativ präzise Positionierung von Einzelwerkzeugen gelingt, so entstehen doch massive praktische Probleme aus dem (notwendigen) Zusammenspiel unterschiedlicher Werkzeuge entlang des in 3.2.1 beschriebenen Prozesses. Werkzeugbrüche entstehen vor allem am Übergang von Rezeptionsschritten zu Annotations- und Editierschritten. Im Zusammenhang mit Web-Content ,rächt" sich vor allem die Tatsache, dass der Webbrowser(!) seine ursprünglich vorhandenen Editierfunktionen (Möller 2005: 35) verloren hat, die für die Vertreter der frühen Hypertext-Schule fundamental waren.

So dürfte das am häufigsten genutzte ,Integrationsinstrument" die Zwischenablage des Betriebssystems sein. Ein nahtloser Übergang entlang des modellierten Prozesses ist auch heute für die breite Masse der Nutzer nicht realisiert, da diese Integration nicht in die verbreiteten Informations-"Browser" eingebaut ist. Ein technisch grundlegendes Problem hierfür ist, dass dazu ein Rückkanal zum Speichern der geänderten Version notwendig ist. Hierfür existieren zwar seit langem Protokollelemente (beispielsweise HTTP PUT und WEBDAV), die aber in der Breite der Werkzeuge nicht genutzt werden. ,Mainstream" ist aktuell das Editieren im Browser, wobei die Gestaltung des Editors letztlich (web-)server-seitig bestimmt wird. Aus Sicherheitsgründen, kann dieser ,Editor im Browser" aber nicht direkt auf Ressourcen des Betriebssystems (Zwischenablage!) zugreifen. Das Einbringen von Bildern wird damit zu einem mehrstufigen, ,höher-schwelligen" Prozess, der nicht an den gewohnten Komfort und die erwartete Arbeitsgeschwindigkeit von Client-Anwendungen der verbreiteten ,Office-Pakete" heranreicht.

Das Orchestrierungsproblem des persönlichen Informationsmanagements betrifft zusätzlich Anwendungen, die nicht web-basiert sind und über Web-Content hinausgehen. Prominente Vertreter sind E-Mails, Dokumente in anderen Speicherformaten als HTML, Präsentationen, analoge oder digitale Notizen in unterschiedlichen ,Systemen" etc. Das praktische Problem besteht also darin, dass ,die knowledge base" (Tsui 2002: 7) einer Person aus unterschiedlichen (technischen) Speicherorten und -Formaten besteht, deren Zugänge wiederum über unterschiedlichen (Software)werkzeuge gebunden sind. Die Kombinationen der unterschiedlichen Formate und Applikationen werden schnell idiosynkratisch, selbst wenn großenteils verbreitete Einzelwerkzeuge verwendet werden (s. Bötttger 2005: 45, 73).

Der letzte Abschnitt sollte deutlich machen, dass mit den Workflows, die nahe um Web-Inhalte und Weblogs herum gestaltet werden, in den meisten Fällen nur ein Teil der gesamten Prozesse eines persönlichen Informationsmanagements erfasst wird. Das gilt vermutlich selbst bei vergleichsweise intensiver Nutzung von Weblogs. Der web-basierte Anteil an den digital-gestützten Arbeitsprozessen nimmt zwar kontinuierlich zu, die genutzte Infrastruktur aus Web-Anwendungen, Webbrowser und Betriebssystem setzt jedoch auch strukturelle Grenzen. Durch Laufzeitumgebungen wie 'Adobe Air' oder 'Google Gears' sollten diese Grenzen zukünftig verschoben werden. Über Adoptionsraten und Zeiträume (vgl. Abschnitt 4.4) dieser neuen Entwicklungen kann aber aktuell nur spekuliert werden.

3.3.3 Wissensweblogs

Einige Autoren haben sich bereits mit wissensbezogenen Anwendungen von Weblogs beschäftigt und dies durch die Bezeichnung ,Wissensweblogs" oder englische Pendants (knowledge blogs, k-(b)logs) dokumentiert. Für Zerfaß (2005: 4) lassen sich Wissensweblogs (Knowledge Blogs) im Intranet verorten und dienen dazu, Wissen zu vermitteln. Auch Röll (2006: 95, vgl. 4.2.1) verortet Wissensweblogs in Intranets und verlagert die definitorische Arbeit auf Wissensarbeiter, deren Aktivitäten er zumindest auflistet.28 Bei Schmidt und Mayer (2006) findet sich die Einschränkung auf Intranets nicht, dafür beruht die Abgrenzung von Wissensweblogs29 ausschließlich auf der Selbstaussage, ein Weblog (auch) deswegen zu führen, um bestimmtes Wissen30 anderen zugänglich zu machen (vgl. 4.2.1). Reinmann und Bianco (2008: 6) setzten im Wesentlichen auf der Definition von Röll auf und betonen die Speicher-, Reflexions- und Kommunikationsfunktion des Mediums. Die Beschränkung von Wissensweblogs auf den organisationsinternen Kontext (Intranet) ist sicherlich nicht sinnvoll und wird von Bianco (2008: 14) explizit aufgehoben. Gerade im Zusammenhang mit Wissensarbeit wird dies deutlich, denn einige Formen von Wissensarbeit finden gerade nicht im Rahmen klassisch organisationaler Regelungen statt, sondern auf dem freien Markt, beispielsweise bei Solo-Selbständigen (Vogl 2006, Friebe & Lobo 2006, vgl. 2.5.1).

Auch wenn sich bei Schmidt und Mayer (2006) empirisch Unterschiede zwischen Wissensweblogs und anderen Weblogs finden lassen,31 so ist zu kritisieren, dass der Abgrenzung selbst, die diese Unterschiede hervorbringt, die konzeptionelle Begründung fehlt. Eine solche Begründung könnte durch eine Anbindung an (a) Konzepte des organisationales Wissensmanagements, (b) des persönlichen Wissens- und Informationsmanagements oder (c) durch eine trennscharfe Auseinandersetzung mit dem Wissensbegriff erfolgen (Weblogs, in denen Wissen ,ist"). In der vorliegenden Arbeit wird eine Kombination von (a) und (b) in Zusammenhang mit einer empirischen Unterfütterung gewählt.

Eine Verbindung von (b) und (c) findet sich bei Böttger (2005), die sich auf persönliches Wissensmanagement generell bezieht, nicht nur auf Weblogs, und die Differenzierungen des Wissensbegriffs (geschickt) umgeht:

Furthermore I believe that from the PKM perspective information and knowledge cannot be strictly separated. A personal information repository (e.g., on a hard drive) is closely interwoven with the owner's non-explicit knowledge. Usually those information artefacts serve either as hints/reminders on something the user knows or they are only useful to the individual user who ,knows that they are there" and can look them up using his or her knowledge of the context of creation/saving. (Böttger 2005: 8)

An anderer Stelle (Böttger 2005: 58) spricht sie von knowledge cues, also von Hinweisen auf personales Wissen, die sich in digitalen Artefakten wiederfinden. Auch auf dieses Weise lassen sich Wissensweblogs, in einem ersten Schritt, konzeptionell von anderen Nutzungsformen abgrenzen.

3.3.4 Funktionale Potenziale von Weblogs und deren Grenzen

I think Technologies of Cooperation and the Sharing Economies they enable are only possible because the underlying technologies have certain key characteristics. There are probably more than six, and each category is worthy of its own more extensive investigation. (Rheingold 2007: Präsentation)

Das Zitat von Rheingold macht deutlich, warum in diesem Zusammenhang eine detailliertere Beschäftigung mit den technisch-funktionalen Charakteristika wichtig ist. Dem soll nun abschließend, entlang des in 3.2.1 entwickelten Modells, Rechnung getragen werden. Die These ist, dass Weblogs, im Sinne kognitiver Werkzeuge, geeignet und günstig32 sind, um die modellierten Aktivitäten zu unterstützen.

Zunächst unterstützen Weblogs zweifellos das (wieder) Auffinden eigener Einträge. Dies ist vor allem in persönlichen Weblogs der Fall, bei denen ja nur der ,Eigentümer" Beiträge anlegen kann. Die für Weblogs typische, rückwärts chronologische Sortierung vereinfacht zunächst natürlich den Zugriff auf die zuletzt erstellten Beiträge. Durch eine Einordnung in den zeitlichen Kontext liegt außerdem ein Bezug zum Konstrukt des episodischen Gedächtnisses (Tulving 2002) nahe.

Es wird seit rund 30 Jahren ein Gedächtnissystem angenommen, welches die genuin menschliche Fähigkeit begründet, autobiographische Erinnerungen abzurufen. Bei erfahreneren Autoren von Weblogs ist die Wendung ,das habe ich doch gebloggt" der sprichwörtliche Hinweis auf eine solche Spur im episodischen Gedächtnis. Auch wenn der Abruf von Fakten (,what") auch ohne die episodische Information (,when and where", Tulving 2002: 3) gelingt, so erscheint die primäre Organisationsform von Weblogs als umgekehrter Zeitstrom zumindest als kognitiv günstig. Dies gilt sowohl für den Autor als auch für den Leser eines Weblogs. Letzterer kann zunächst natürlich keine episodischen Erinnerungsvorteile verbuchen. Die eindeutige Verbindung zwischen Inhalt und Autor, wie sie auf persönliche Weblogs zutrifft, kommt einer geistigen Verarbeitung im Sinne eines Quellengedächtnisses (Schnitzer 2008: 33) jedoch entgegen.33

Das Verstehen beim Leser wird erleichtert durch die Assoziation der Inhalte mit der ,Stimme" eines Gegenübers, dem Autor des Weblogs. Durch Merkmale wie Permalinks, Referer und Kommentare steuert die Technik Vernetzungspotenziale bei (Ehms 2008: 209).

Weiterhin ist davon auszugehen, dass eine Verankerung im episodischen Gedächtnis des Autors umso stärker ist, je intensiver die geistige Auseinandersetzung (Elaboration) mit dem gedanklichen Gegenstand stattgefunden hat. Dies ist vermutlich dann der Fall, wenn es sich um längere Beiträge handelt. Hier lässt sich ein Bezug zu dem in 3.2.1 beschriebenen Aspekt der Originalität herstellen. Es ist wahrscheinlich, und wäre an anderer Stelle empirisch zu überprüfen, dass das Erinnern an einen Beitrag umso leichter fällt, je stärker dieser eigene Bearbeitungen enthält. In noch stärkerem Maße gilt diese natürlich für das Erstellen von Informationen.

In jedem Falle ist das Führen eines eigenen chronologischen Stroms34 von Artefakten kognitiv günstig für den Autor der Artefakte. Hier besteht eine gewisse Ähnlichkeit zum Medium E-Mail, in dem der Nutzer ja entweder Empfänger oder Sender einer Mitteilung ist. Betont sei an dieser Stelle nochmals (vgl. 2.6.2) der deutliche Unterschied zu sogenannten Diskussionsforen, bei denen der ,Strom" der Beiträge gerade nicht von einer/der eigenen Person stammt.

Research on the creation of identity on personal webpages (of which blogs are a subset) suggests that the author of a webpage is a ,bricoleur," or someone who deliberately constructs something with whatever is close at hand. The webpage author is a bricoleur who assembles their online identity through ,specific inclusions, allusions, omissions, adaptations and arrangements" (Lenhardt 2005: 20)

Das Kopieren von (Teil-)Inhalten und Referenzieren der Quelle wird bei Weblogs in erster Linie bei Inhalten vereinfacht, die sich schon im WWW befinden. Sie können über eine URL direkt von einem Webserver abgerufen und im Browser angezeigt werden. Eine einfache Form der Unterstützung für das Referenzieren derartiger Inhalte sind sogenannte Bookmarklets,35 die es prinzipiell für jede angezeigte Webseite ermöglichen, das Editierfenster eines eigenen Weblogs zu öffnen und einen Beitragsrumpf zu erstellen. Die URL und ggf. ein markierter Abschnitt der betrachteten Seite wird dabei automatisch zur weiteren Bearbeitung eingefügt. Diese einfache Lösung hat auch Nachteile: Bei der Übernahme von markiertem Text kommt es mitunter zu Problemen bei der Zeichenkodierung (Umlaute werden beispielsweise falsch dargestellt). Außerdem kann nur eine Primärstelle markiert und übernommen werden. Die Übernahme der URL der Quelle stellt jedoch bereits eine Erleichterung dar und fördert so die Praxis, referenzierte Quellen anzugeben. Diese funktionale Erleichterung ist nur ein erster Schritt auf dem Weg zu den bereits von den Vertretern der Hypertext-Schule geforderten Funktionalitäten. Zumindest für Web-Content realisieren Weblogs also gewissen Effizienzvorteile, insbesondere was die Handhabung von Referenzen angeht.

Die Annotationsaktivitäten werden von Weblogs nur auf Granularitätsebene des ursprünglichen Artefakts unterstützt. Es kann in den meisten Fällen ein Kommentar zum gesamten Beitrag im Weblog des Beitragsautors hinterlassen werden. Ein Markieren einzelner Passagen im Web-Content eines anderen Autors ist nicht möglich, da im Allgemeinen kein Schreibzugriff auf dessen Weblog oder Content-Management-System besteht. Diese Passagen müssen über die Zwischenablage in einen eigenen Beitrag kopiert und dort kommentiert werden. Dieser Beitrag kann dann mit eigenen Schlagworten (tags) versehen werden und so ,organisiert" werden. Letztlich wird also eine Referenz und ggf. kopierte Ausschnitte aus einem ,fremden" Artefakt im persönlichen Publikationsbereich verwaltet. Immerhin ist der behandelte Originalbeitrag in den meisten Fällen über die Referenz (URL) erreichbar. Insbesondere das einfache Verschlagworten (taggen) beschleunigt das Abschließen des Annotationsvorgangs (Conradi 2006; Sinha 2005) und senkt somit die Schwelle, neue Informationsobjekte anzulegen.

Zum Erstellen eigener Inhalte ohne Referenz auf bestehende Web-Inhalte ist anzumerken, dass das Einbringen von Bildern über den Webbrowser ein mehrstufiger Prozess ist, in dem Bilder oder andere multimediale Inhalte zunächst referenzierbar auf einem Webserver gespeichert werden müssen, bevor sie in einem Textbeitrag verwendet werden können. Hier ist im Vergleich zu Client-Anwendungen, die beispielsweise direkt auf die Zwischenablage zugreifen können, ein deutlicher Effizienznachteil zu verzeichnen, der bisher nur durch die Verwendung spezieller Blogging-Clients, zusätzlich zum Webbrowser, kompensiert werden kann.36 Mit solchen Werkzeugen lassen sich dann ,Desktop-Komfort" und die Referenzierbarkeit des WWW kombinieren. Allerdings muss eine weitere Softwareanwendung installiert und administriert werden, so dass diese Werkzeuge den Mainstream der Internetnutzer noch nicht erreicht haben dürften. Von den Visionen der Hypertext-Schule (3.1.1), die eine nahtlose, kollaborative Bearbeitung von Dokumenten anstrebten, ist diese Arbeitspraxis ,im Web" immer noch weit entfernt.

Das Publizieren der bearbeiteten Inhalte besteht im Absenden des Webformulars oder im Klicken auf eine Publikations-Button des Blogging-Clients. Im Gegensatz zum Abspeichern in einem lokalen Filesystem muss kein Ordner angesteuert und ausgewählt werden. Dies ist, zumindest beim Abschließen der Bearbeitung, ein Geschwindigkeitsvorteil. Bei der Verwendung mehrerer Weblogs muss dieses entweder beim Einleiten des Editiervorgangs oder spätestens beim Publizieren (Blogging-Client) ausgewählt werden. Im Gegensatz zu verschiedenen Peer-2-Peer-Systemen (Tsui 2002), die es ermöglichen, ganze Bereiche lokaler Speichermedien ,freizugeben", hat dieser Publikationsschritt einen entscheidenden Vorteil. Im Moment des Absendens des Beitrags wird die Entscheidung getroffen, genau das eben bearbeitete Artefakt öffentlich zugänglich zu machen. Bei umfassenderen Freigabemechanismen wird eine Menge an Dokumenten und Informationsobjekten zugänglich gemacht, über die ggf. kein Überblick mehr besteht. Dieser Aspekt der Kontrolle mag ein weiterer psychologischer Grund für die relativ große Verbreitung von Weblogs und den geringen Erfolg der charakterisierten Peer-2-Peer-Systeme sein.

3.4 Fazit

Der zurückliegende Abschnitt sollte detailliert darstellen, wie persönliche Weblogs die Arbeitsflüsse des persönlichen Informationsmanagements unterstützten können. Auf Grund technischer Rahmenbedingungen sind Effizienzvorteile gegenüber anderen Werkzeugen vor allem in Situationen zu erwarten, in denen bereits mit vorhandenem Web-Inhalten gearbeitet wird. Es ist wahrscheinlich, dass Weblogs und ähnliche Formen der Online-Unterstützung, allein durch diese Verschiebungen ,ins Web", die Workflows digitaler Wissensarbeiter weiter durchdringen.

Gleichzeitig wurden auch Effizienzhindernisse dargestellt (Bilder, Zwischenablage, Orchestrierung), deren technische Grundlagen nicht einfach verändert werden können und zu deren Umgehung es weiterer Werkzeuge bedarf. Dies wirkt der Idee entgegen, den gesamten Workflow im Browser durchführen zu können bzw. rentiert sich nur für intensive Nutzer des WWW.

Die drei eingangs geschilderten Entwicklungslinien kämpfen alle, konzeptionell und bei der abgeleiteten Implementierung, mit der Werkzeug- und Format-Vielfalt.37 Diese Problemstellung wurde in der vorliegenden Arbeit, in Anlehnung an die Bezeichnung Instrumente, unter ,Orchestrierung" diskutiert. An anderer Stelle ist, technisch orientierter, von cross-application support (Sauermann, Grimnes & Roth-Berghofer 2008) oder einfach data integration (Völkel 2009) die Rede. Über Konzepte wie ,Personal Space of Information" (PSI, Jones & Bruce 2005), ,Personal Information Environment" (PIE, Jones & Bruce 2005) oder die schon etwas weiter fortgeschrittene Diskussion um ,Personal Learning Environments" (PLE, Fiedler & Pata 2009) wird versucht, die Integrationsproblematik zumindest begrifflich zu fassen. Die Implementierungswirklichkeit von Lösungen, die in alltäglichen Routinen flüssig funktionieren, bleibt auch in den IT-nahen Forschungsprojekten meist weit hinter der geforderten ,Totalintegration" zurück, alle Daten/Informationen / Wissensbestände38 besser handhaben zu können.

Die geschilderten kognitiven Günstigkeiten von Weblogs (s. 3.3.4) mögen, jenseits einer bewussten Abwägung von Zwecken, Vorteilen und Zusatzaufwänden, eine individuelle Adoption des Mediums erleichtern. Die Reduktion der (externen) Wissensorganisation auf Chronologie und tags wirkt, zumindest auf die Materialisierung, ganz im Sinne eines Web 2.0, beschleunigend. Detailliert vergleichende Untersuchungen zum Retrieval der eigenen (Web-)Inhalte im Vergleich mit den herkömmlichen Formen der hierarchischen Organisation von Offline-Inhalten sind selten (vgl. aber Jones, Phuwanartnurak, Gill & Bruce 2005). Auch bei diesem Aspekt spielt die Granularität der eingebrachten Inhalte eine entscheidende Rolle (Völkel & Abecker 2008: 99).

Neben Effizienzvorteilen ergeben sich auch Potenziale, die durch neue Interaktionsmöglichkeiten entstehen. Hauptsächlich werden diese Potenziale durch das Angebot begründet, mit nur minimalen technischen Kenntnissen online transparent erreichbar sein zu können. Diese virtuelle Präsenz wiederum ermöglicht die gezielte, oder unintendierte, Erweiterung sozialer Netzwerke. Diese übergeordneten39 Phänomene werden in den nächsten vier Kapiteln berücksichtigt, wobei die Individualebene zunächst wieder verlassen wird.


1. Synonym: 'knowledge blogs'

2. Eine umfassendere Betrachtung findet sich bei Wright (2007).

3. Für eine kritische Meinung zur Umsetzung durch das WWW s. Nelson (2009) selbst;
,The Web isn't hypertext, it's DECORATED DIRECTORIES!" (http://ted.hyperland.com/buyin.txt).

4. Eigentlich sind die Ideen noch älter und stammen aus einem Aufsatz mit dem Titel ,Mechanization and the Record" aus dem Jahre 1939 (Wright 2007: 196)

5. Je nach dem, ob man das Kunstwort als Abkürzung für Memory-Extension oder für Memory-Index interpretiert. Die intensive Beschäftigung Bush's mit Bibliothekaren spricht eher für die letztere Interpretation (Yeo 2007: 40).

6. Nelson spricht von einem docuverse, einem ,universe of documents" (Nelson 1974: 59)

7. http://transliterature.org

8. Auch bekannt als ,mother of all demos" (Obendorf 2006: 10), s. http://sloan.stanford.edu/MouseSite/1968Demo.html

9. Im Gegensatz zu ,gopher", einem konkurrierenden Protokoll für verteilte Informationsressourcen.

10. Feingranulare Referenzen (URLs) auf detaillierte Informationseinheiten und nicht nur auf den übergeordneten Webauftritt oder die gesamte Web-Anwendung.

11. http://groups.csail.mit.edu/haystack

12. http://www.semanticdesktop.org/

13. http://nepomuk.semanticdesktop.org/

14. Ich wähle hier absichtlich die englische Benennung, da die Schwerpunktsetzung eines ,persönlichen Informationsmanagements" in der deutschsprachigen Literatur (noch) stark auf den Einsatz in betrieblichen Prozessen beschränkt ist und der Charakter eines persönlichen Werkzeugs kaum eine Rolle spielt.

15. Siehe Willfort und Koó (2007) für einzelne, weitere Quellen.

16. Ähnlich wie das Grazer Metamodell für organisationales Wissensmanagement (vgl. 2.1).

17. Eine solche ,ressourcen-orientierte" Sichtweise ist in der Psychotherapie fester Bestandteil von Lösungsangeboten.

18. Mit Ausnahme der jüngeren Publikationspraxis um die Personal Learning Environments.

19. Gemäß ihres Anspruchs: Uniform(!) Resource Locator zu sein.

20. Siehe Kienle 2003: 119 ff. für eine Differenzierung des Themas Annotation.

21. Man denke an das Arbeiten in der Bahn oder an von Mobilfunknetzen schlecht abgedeckte Gebiete. Selbst bei guter Netzabdeckung sind schnelle Datenanbindungen (noch) vergleichsweise teuer.

22. Nach Luhmann (2006) ist die Selektion die Information; die vorliegende Arbeit folgt jedoch dem Informationsbegriff aus 1.2.2.

23. Die beiden Benennungen werden hier (wie auch in Roehl 2000: 154) synonym verwendet.

24. Zu einer Unterscheidung von Strategien, Methoden und Techniken s. Reinmann 2005a bzw. Roehl 2000: 154/Fußnote.

25. Solche Handlungsstrukturen können auch als prozessuale Werkzeuge (im Ggs. zu materialen) bezeichnet werden.

26. Ausführlich: den typischen Funktionsumgang betreffende Standardisierung.

27. Für eine ausführlichere begriffliche Beschäftigung mit ,kognitiven Werkzeugen s. Schulmeister (2007).

28. Information suchen und finden, organisieren, verstehen und einordnen; Bedeutungen aushandeln;
Ideen entwickeln; Netzwerk aufbauen und pflegen; Zusammenarbeiten (nach Röll 2006: 97).

29. Eigentlich von ,W-Bloggern", denen ich begrifflich unterstelle, Wissensweblogs zu führen.

30. Das Fragebogen-Item lautet im Original: ,Um mein Wissen in einem Themengebiet anderen zugänglich zu machen".

31. Dominanz von kommentierten Referenzen, Offenlegung der Identität, Befüllung der Blogroll, Verwendung von RSS.

32. Hier ist in erster Linie ein Begriff von Günstigkeit in Bezug auf Interaktion und Arbeitsfluss gemeint, nicht ein finanzieller Preis, der ggf. für die Nutzung zu zahlen wäre.

33. Schnitzer (2008) sieht eine enge Verbindung zwischen Quellengedächtnis und episodischem Gedächtnis, wobei letzteres theoretisch und empirisch wesentlich besser gestützt ist.

34. Dieser kann auch aus mehreren technischen Strömen/Weblogs zusammengesetzt sein, beispielsweise durch RSS-Aggregation.

35. Kofferwort aus Bookmark und Applet (kleines Programm), also ein Miniprogramm, welches als Lesezeichen im Webbrowser gespeichert wird und dort wieder abgerufen / ,gestartet" werden kann.

36. Sie kommunizieren über Protokolle mit den (web-)server-basierten Anwendungen und können gleichzeitig über eigene ,Buttons" in den Webbrowser eingebunden werden. Beispiele für solche Protokolle sind: MetaWeblogAPI, BloggerAPI oder MovableTypeAPI.

37. Die pädagogisch-psychologische Schule scheint noch am wenigsten betroffen, da sie in den meisten Fällen von technischen Implementierungen stärker abstrahiert.

38. Oft wird hier ohnehin kein großer Unterschied gemacht (vgl. beispielsweise Sauermann, Grimnes & Roth-Berghofer 2008)

39. Bezogen auf die in Emergenzebenen (s. 1.1.3)