2 Wissensmanagement in der Sackgasse

Was wurde mit Wissensmanagement bisher erreicht? An welchen Konzepten kann sich eine Auseinandersetzung mit Weblogs orientieren? Wo im Wissensmanagement lassen sich Weblogs prinzipiell einsetzen und wo nicht? Dieses Kapitel soll Zielsetzungen, Problemlagen, konzeptionelle Bausteine und schließlich den Diskurs um Wissensarbeit auf Potenziale von Mitarbeiterweblogs hin untersuchen.

2.1 Die Zielsetzungen organisationalen Wissensmanagements

Eine schlüssige Geschichte des Wissensmanagements kann vermutlich erst in einigen Jahrzehnten abschließend geschrieben werden. Das ,Hybrid aus Praxiserfahrung und Theorieentwicklung" (Willke zit. nach Knoblauch 2004 ) trägt noch starke Züge einer Managementmode ( Kieser 2006, Mühlethaler 2005: 66 ff.). Mit ungefähr einem Jahrzehnt ist die Tradition dieser Disziplin zu kurz, als dass die Darstellungen konvergieren könnten. Die Fülle an Publikationen ist allerdings schon jetzt unüberschaubar ( Romhardt 2002 : 13, Howaldt & Kopp 2005 : 6) wobei die Debatte als wenig kumulativ beschrieben wird (Schneider 2006a: 8). Eine Ausdifferenzierung in ,echte" Teildisziplinen hat noch nicht stattgefunden (vgl. 2.3).

Dennoch möchte ich versuchen, einen Überblick zu geben, um Gründe für das Scheitern vieler Ansätze freizulegen und damit die Potenziale für alternative Wege aufzuzeigen. Die Auswahl der hier vorgestellten Phasen, Ausschnitte und Konzepte soll also zwei Ansprüchen genügen. Erstens müssen die Abstraktionsniveaus der dargestellten Aspekte vergleichbar sein.1 Zweitens sollen die ausgewählten Konzepte für den Fortgang der Arbeit verwertbar sein. Der Titel des Kapitels weist darauf hin, dass dieser fokussierte Überblick auch als Kritik an bestehenden Ansätzen gelesen werden kann und ich einen Ausweg aufzeigen möchte.

Eine einheitliche Definition von Wissensmanagement ist auf Grund der verschiedenen beteiligten Disziplinen (vgl. 1.2) einerseits und durch die vergleichsweise kurze Lebensdauer des Themas andererseits nicht zu erwarten. Als Ausgangspunkt kann jedoch das vielfach geschilderte Anliegen gelten, den Produktionsfaktor Wissen innerhalb von sozialen Systemen besser zu nutzen, als dies ohne explizites Wissensmanagement geschieht. Solche sozialen Systeme können Gruppen, Organisationen, Dachorganisationen, Verbände oder ganze Gesellschaften sein. Für alle diese Emergenzebenen (s. 1.2.2) ist Wissensmanagement im Sinne des formulierten Anliegens denkbar. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Wissensmanagement in Unternehmen, also Organisationen, die einem ökonomisch orientierten Unternehmenszweck dienen sollen.

Schneider (2001 :32) weist mit dem Grazer Meta-Modell (Abbildung 5) darauf hin, dass sich die Ansätze im Wissensmanagement grundsätzlich auf den drei Dimensionen Zielfokus, Wissensverständnis und Managementverständnis unterscheiden. Zielfokus bezieht sich dabei auf die grundlegende Ausrichtung eines Wissensmanagements zwischen einer verbesserten Nutzung bestehenden Wissens einerseits und der Entwicklung neuen, unternehmensrelevanten Wissens andererseits. Ersteres läuft auf ein Replizieren (Multiplizieren) gesicherter Prozeduren und (Wissens-)Strukturen hinaus, letzteres auf den Versuch zu innovieren.2 Schneiders Dimension Managementverständnis mit den Endpunkten mechanistisch und systemisch möchte ich als grundlegendes Steuerungsverständnis von Organisationen um-schreiben (vgl. Morgan 2006 , Burrell & Morgan 1979 ). Die Autorin kontrastiert ein systemisch-organisches und ein reduktionistisch-mechanistisches Bild. In Anlehnung an meine Verknüpfung der Managementaufgabe mit allgemeinen Steuerungsbegriffen (vgl. 1.2.4) lässt sich dieses Gegensatzpaar auch als systemisch-emergent versus mechanistisch-deterministisch bezeichnen.3 Grundlegende Steuerungsaspekte werden in Kapitel 7 wieder aufgegriffen. Die dritte Dimension, das Wissensverständnis, repräsentiert die Dialektik aus subjektivem und objektiven Charakter des Phänomens Wissen (vgl. 1.2.2). Das Modell lässt sich schließlich als Würfel mit acht Zellen veranschaulichen, die die Merkmalskombinationen repräsentieren. Da die Dimensionen Steuerungsverständnis und Wissensverständnis stark zusammenhängen, ein mechanistisches Steuerungsverständnis geht meist mit einem objektivistischen Wissensverständnis einher, sind mindestens vier Kombinationen rein formaler Natur. Damit reduziert sich das Modell letztlich auf das Vierfelderschema von Burrell und Morgan (1979, Abbildung 6) zur Systematisierung sozialwissenschaftlicher Forschungsparadigmen im Allgemeinen und Organisationsforschung im Besonderen ( Gioia & Pitre 1990). Für Wissensmanagement ist die Betonung unterschiedlicher Wissensverständnisse dennoch wertvoll. Ohne an dieser Stelle erneut auf unterschiedliche Wissensparadigmen einzugehen, kann festgehalten werden, dass Wissen in Organisationen etwas mit der Fähigkeit zu tun haben muss, Aufgaben zu bearbeiten, die für die Organisation bzw. das Unternehmen relevant sind.

Eine derartige Sicht auf Wissen erzeugt, zunächst rein analytisch, folgende Möglichkeiten bzgl. der organisationalen Verfügbarkeit von Wissen:

An diesen Konfiguration von Verfügbarkeit (vgl. Amelingmeyer 2004: 70) kann Wissensmanagement generell ansetzen. Das später in 7 dargestellte Modell erweitert diese ersten Überlegungen.

2.2 Historische Phasen

Vor einer weiteren inhaltlichen Systematisierung des Themas möchte ich die bisherigen Entwicklungen im Wissensmanagement historisch skizzieren. Wie in Abschnitt 2.1 angedeutet ist eine geschlossene Betrachtung hier noch nicht zu erwarten. Unter Interpretation von Schütt (2003, 2008 ) und Mühlethaler (2005 : 35 ff.) lassen sich grob die folgenden Phasen in der geschichtlichen Entwicklung von Wissensmanagement abgrenzen.

Von Expertensystemen zur Lernenden Organisation

Zwischen 1970 und 1995 wurde Wissensmanagement als Einsatz von Expertensystemen, Entscheidungsunterstützungssystemen und Management-Informationssystemen verstanden. Rückblickend kann gesagt werden, dass diese Systeme die Erwartungen derer, die über ihren Einsatz zu entscheiden hatten, nicht erfüllten. Expertensysteme lassen sich nur für sehr spezifische Problembereiche erfolgreich realisieren. So kann die Hinwendung zur Idee einer lernenden Organisation auch als Antwort auf die geschilderte Enttäuschung interpretiert werden und als Ausdruck der Hoffnung, ,intelligente" Organisationen nun durch soziale Prozesse zu entwickeln. Die Theoriebildung hierzu ist vergleichsweise anspruchsvoll, da der individuell erforschte Lernbegriff nun auf Organisationen übertragen wird und jenseits einer metaphorischen Verwendung nutzbar gemacht werden soll. Dies erfordert ein grundlegendes Umdenken von Organisationskonzepten (vgl. Schreyögg 2003: 4), eine Leistung, mit der die Praxis des Organisierens noch heute überfordert erscheint.

Zunehmend wurde nun betriebswirtschaftlich5 die Wichtigkeit des Themas Wissen in und für Organisationen diskutiert. Die letzten Jahre dieser ersten Phase des Wissensmanagements waren nach Schütt (2003: 1) geprägt von ,der nebulösen These um die Notwendigkeit einer Wissensmanagementstrategie."

Wissensmanagement als Wissenskonversionen

Zweifellos eines der meist zitierten Konzepte zum Management organisationalen Wissens ist die Wissensspirale von Nonaka (1994) . Ihre Popularität kann als Reaktion auf die oben geschilderten, informatik-getriebenen Wissensmanagement-Projekte verstanden werden. Zusätzlich kommt die Entwicklung (,Generierung") von Wissen in den Blick.

Als zentrales Konzept wird die Unterscheidung zwischen stillem Wissen (tacit knowledge, Polanyi 1967) und explizitem Wissen verwendet (vgl. 2.4.1.). Das auf dieser Unterscheidung aufbauende SECI-Modell wurde sehr populär. In unzähligen Projekten wurde erfolglos versucht, das Wissen der Mitarbeiter zu ,konvertieren" und in sogenannten ,Wissensdatenbanken" zu speichern. Die Vorstellung dieses Spiral-Mechanismus hat viel Schaden angerichtet, indem er scheinbar die Legitimation für intensive Externalisierungsbemühungen lieferte, die letztlich wirkungslos bleiben mussten ( Schneider 2006a : 32, Ciesinger et al. 2005: IX, Schmiede 2006 : 473; vgl. auch 2.4.1). Noch heute wird versucht, in unzähligen wissenschaftlich orientieren Arbeiten auf diesem Modell aufzubauen. Schütt (2003 : 3) bezeichnet diese Phase treffend als ,frühen Aktionismus". Fragen, inwieweit Wissen prinzipiell durch Sprache explizierbar ist und welche Voraussetzungen beim Adressaten für ein Verstehen erfüllt sein müssen, blieben meist ausgeblendet (Kodifizierungsfalle). Dies ist selbstverständlich nicht ausschließlich den ursprünglichen Autoren anzulasten, sondern geht auch auf die unkritische Rezeption des SECI-Konzeptes zurück (Schneider 2007: 116).

Das SECI-Modell wurde von seinen Autoren übrigens bereits 1998 durch das Konzept des 'Ba' stark relativiert und um Konzepte erweitert, deren Anschlussfähigkeit an europäisches wissenschaftliches Denken allerdings eine Herausforderung darstellen dürfte.

Thus in a certain sense, tacit knowledge can only be shared if the self is freed to become a larger self that includes the tacit knowledge of the other. [...] Externalization requires the expression of tacit knowledge and its translation into comprehensible forms hat can be understood by others. In philosophical terms, the individual transcends the inner- and outer-boundaries of the self. During the externalization stage of the knowledge-creation process, an individual commits to the group and thus becomes one with he group. (Nonaka & Konno 1998: 42 f.)

Das Konzept des tacit knowledge wird nun sogar ohne Bezug auf Polanyi (1967) definiert. Eine Stützung durch grundlegende Wissenstheorien (vgl. 1.2.1, Kübler 2005) unterbleibt. Von der ursprünglichen Idee, stilles Wissen sei vergleichsweise einfach zu externalisieren, wird nun Abstand genommen und für solche Unterfangen zumindest eine Dialogsituation gefordert ('interacting Ba'). Die Autoren konzidieren, dass die Idee der Selbsttranszendenz recht abstrakt sei, aber dennoch praktisch umgesetzt werden könne ( ,However, it can be put into practice", Nonaka & Konno 1998: 42 ). Alles in allem wirkt diese Wendung wenig überzeugend und hat keinen Eingang in die Organisationspraxis gefunden.

Wissensmanagement als Produktivität von Wissensarbeitern

Ab dem Jahr 2000 lässt sich eine (Rück-)Besinnung auf die besonderen Eigenschaften von Wissensarbeit feststellen ( Willke 1998b , Hube 2005, Schütt 2008 ).

Ein Nutzen dieser Entwicklung kann darin gesehen werden, dass nun nicht mehr naiv, das heißt ohne expliziten oder mit einem trivialisierten Wissensbegriff, versucht wird, Wissen direkt zu ,managen", sondern wieder der Arbeitende, sein - ggf. mobiler - Arbeitsplatz, die benutzten Werkzeuge und die entsprechenden Arbeitsroutinen in den Blick kommen. Diese Sichtweise erscheint mir erfolgsversprechender und wird in Abschnitt 2.5 vertieft.

2.3 Kumulative Problembereiche

,Organisationales Wissensmanagement hat zum Ziel, Wissensprobleme von Organisationen zu lösen bzw. Lösungsansätze zu entwickeln" ( Schönauer 2003 : 80). In diesem Sinne kann die bereits angesprochene Flut von Konzepten und publizierten Ansätzen eher als zunehmende Problematisierung des Phänomens Wissen in Organisationen verstanden werden, denn als Lösung dieser Probleme (Howaldt & Kopp 2005: 6). Daher ist es sinnvoll, die Entwicklungen im Wissensmanagement zusätzlich als Problemgeschichte zu skizzieren. Es lassen sich, zunächst rein rhetorisch, bestimmte Typen von Wissensmanagement identifizieren, die sich in spezialisierten Publikationen und Tagungen niederschlagen. Bezeichnet werden diese Ansätze beispielsweise als Strategisches WM, Prozessorientiertes WM, Wissensmärkte, Persönliches WM und Verteiltes WM. Diese Typen sind einerseits kumulativ, weil keine dieser proklamierten ,Subdisziplinen" durch eine andere abgelöst wurde, sondern nach einer ,Themenexplosion" um das Jahr 1996 (entovation 2000) bis heute parallel existieren. Andererseits handelt es sich um Pseudo-Typen, da lediglich Teilaspekte des Gesamtproblems herausgegriffen und als eigenes Wissensmanagement ausgerufen werden. Diese Entwicklung dauert an.6

2.3.1 Strategisches, Prozessorientiertes und marktorientiertes Wissensmanagement

Strategisches Wissensmanagement

Waren die oben angesprochenen Expertensysteme zwangsläufig auf einen eng umgrenzten Themenbereich (Domäne) ausgerichtet, so versprachen Wissensmanagementinstrumente7 zunächst eine Eignung für jedwedes, organisationales Wissen. Selbst wenn dieser Anspruch einzulösen wäre, so muss aus rein betriebswirtschaftlichen Überlegungen heraus davon ausgegangen werden, dass es nicht effizient sein kann, jedes Wissen zu ,managen" - zumindest wenn man davon ausgeht, dass Wissensmanagement Aufwand bedeutet. Es wurde erkannt, dass zunächst festgelegt werden muss, welches Wissen denn genau Gegenstand eines Wissensmanagement-Projektes oder -Programmes sein soll. Diese Selektion wiederum kann nur aus den Unternehmenszielen abgeleitet werden, wenn Wissensmanagement kein Selbstzweck in der Unternehmung werden soll. Im Sinne der Trias strategisches, operatives und normatives Management (Bleicher 2004) handelt es sich um einen Teilaspekt des Wissensmanagements, der sich auch auf individuelle Überlegungen übertragen lässt (vgl. Reinmann & Eppler 2008 ). Probst, Raub und Romhardt (1997 : 86) empfehlen für Organisationen die Ableitung von Wissenszielen als strategische Aufgabe. Auch eine Wissensbilanz (Alwert 2005) kann als strategisches Instrument eingesetzt werden und muss nicht nur der summarischen Rückschau dienen.

Strategisches Wissensmanagement kann als kontinuierliche Fokussierung auf das ,Problem" verstanden werden, dass es weder möglich noch sinnvoll ist, zu versuchen, jedwedes Wissen einer Organisation zum Gegenstand von Managementbemühungen zu machen.

Prozessorientiertes Wissensmanagement

Der Versuch, Wissensmanagement konzeptionell zu fassen, führte zu verschiedenen Prozesskonstrukten. Die Wissenskonversionen von Nonaka (1994 ; vgl. ) waren die erste Vertreter dieses Unterfangens. Probst et al. (1997) beschreiben mit ihren Bausteinen des Wissensmanagements8 ,eine Reihe von Aktivitäten, die wir als Kernprozesse des Wissensmanagements auffassen" (S. 51). Auch dieser Versuch hatte mitunter Nebenwirkungen. Er war zwar anschlussfähig an die Sprache der Praktiker in den Unternehmen, führte jedoch - insbesondere in Kombination mit der Einrichtung neuer Rollen und Stellen - dazu, dass sich die Wissensmanager von den wissensbezogenen Herausforderungen in den eigentlichen Geschäftsprozessen entfernten. So hilfreich die Denkfigur abstrahierter Wissensprozesse für die Konzeption von Wissensmanagement scheint, so unglücklich war vielfach die reflexartige Assimilation durch die Praxis. Als weiterer Prozesstyp lässt sich der Einführungsprozess von Wissensmanagement nennen, also die mit Wissensmanagement verbundenen, strukturellen Änderungen in den Betriebsabläufen.

Die Ausrufung eines Prozessorientierten Wissensmanagements ( Trier 2000, Thiesse 2001 , Remus 2002 , Abecker, Hinkelmann, Maus & Müller 2002 ) kann als notwendige Korrektur verstanden werden, die Disziplin wieder auf geschäftsbezogene Pfade zurückzuführen. Wie andere Unterstützungsprozesse, so muss auch Wissensmanagement die eigentliche Leistungserstellung in Kernprozessen wirkungsvoll unterstützen. Mit Mühlethaler (2005 : 75) und den dort zitierten empirischen Studien ist davon auszugehen, dass diese Probleme noch nicht gelöst sind.

Die Frage, wie Wissensmanagementaktivitäten geschickt in Geschäftsprozesse und individuelle Handlungsroutinen eingeflochten werden können, ist auch für den Fortgang der vorliegenden Arbeit von entscheidender Bedeutung. In Kapitel 3 wird die entsprechende Frage aus der Individualperspektive behandelt. Ein effizientes ,Einknüpfen" von Wissensmanagementaktivitäten in Geschäftsprozesse ist also nach wie vor ein ernstzunehmender Imperativ. Er ist aber nur dort effizient, wo Geschäftsprozesse eine ausreichende Stabilität aufweisen, um die Verknüpfungen der Wissensprozesse nicht permanent nachführen zu müssen.

Wissensmärkte

Eine weitere Form von Wissensmanagement, die ich an dieser Stelle herausheben möchte, ist die Idee interner Wissensmärkte ( Davenport & Prusak 1998 , North 1998). Sie hat den Charme, dass scheinbar relativ wenige Aussagen über Detailabläufe gemacht werden müssen, da die notwendige Koordination durch die unsichtbare Hand des Marktes erfolgt. Über erfolgreiche Umsetzungen dieses Ansatzes ist allerdings wenig bekannt. Aus konzeptioneller Hinsicht bleibt unklar, wie der Mechanismus der Preisbildung stattfinden soll, welche Auswirkungen Transaktionskosten auf ein Gelingen bzw. Scheitern dieser Lösung haben und wie mit benötigten Voraussetzungen ( Seidel 2003 : 129), inhärenten Paradoxien (Schneider 2005: 36) und bekannten Dysfunktionalitäten von (internen) Märkten ( Kühl 2000 ) umgegangen werden kann, die bei der ,Ware" Wissen erwartet werden müssen. Weiter durchdacht ist demgegenüber der Ansatz von Schmidt (2000 ), der eine Kunstwährung einführt, die über bestimmte Eigenschaften den Austausch von Wissen optimieren soll. Hier wäre zunächst zu klären, inwiefern eine solche Parallelwelt neben den bestehenden Controlling- und Steuerungsformen eines Unternehmens dauerhaft implementiert werden kann. Eine erfolgreiche Umsetzung des zuletzt beschriebenen Konzepts im Rahmen eines organisationalen Wissensmanagements ist mir nicht bekannt.

Die Idee von Wissensmärkten kann als frühzeitiger Hinweis auf Steuerungsprobleme im Zusammenhang mit Wissen verstanden werden. Eine direkte Steuerung ist bei den meisten Wissensarten (vgl. 2.4.1) ausgeschlossen (Willke 1998a: 88, Willke 2001a). Die Idee der Wissensmärkte kann ganz generell als Versuch gewertet werden, Wissensaustausch9 zu fördern, ohne sich detailliert um Steuerungsprobleme kümmern zu müssen. In jüngerer Vergangenheit wird allerdings deutlich, dass die unsichtbare Hand des Marktes doch nicht so geschickt steuert, wie angenommen. Es wird mehr und mehr deutlich, wie voraussetzungsvoll das Konstrukt Markt in Bezug auf Rahmenbedingungen ist. Dies dürfte neben Güter- und Kapitalmärkten in verstärktem Maße für Wissensmärkte gelten.

2.3.2 Verteiltes und Persönliches Wissensmanagement

In inhaltlichem Zusammenhang, leider jedoch in einem unverbundenen Diskurs, steht eine schmale, kontinuierliche Entwicklungslinie verteilter Ansätze im Wissensmanagement. Sie lässt sich auf mehrere Quellen zurückführen. Eine technologische Tradition beschäftigt sich mit der Gestaltung verteilter technischer Informationssysteme (Tanenbaum & van Steen 2007; Nissen & Petsch 2008). Das bedeutendste Beispiel einer auf verteilter Information aufbauenden Infrastruktur ist das Internet selbst mit dem ihm zugrunde liegenden Netzwerkprotokoll.

Über die technologische Entwicklungslinie (vgl. Roehl 2000: 90) des betrieblichen Wissensmanagements beeinflussen diese Ideen die Diskussion bis heute. Bonifacio, Bouquet und Traverso (2002 ) argumentieren, dass die tatsächliche soziale Struktur (social form) einer Organisation im Widerspruch zu zentralistischen Systemarchitekturen steht. Sie gehen davon aus, dass Wissen prinzipiell verteilt und an subjektive und soziale Kontexte10 gebunden ist und sich dieses auch in den technischen Systemarchitekturen spiegeln müsse.

Tsoukas (1996) schließt an die ökonomisch orientierten Überlegungen von Hayek (1945 ) zur bestmöglichen Nutzung von Wissen in einer Gesellschaft an und überträgt diese auf Organisationen. Dabei betont er den verteilten Charakter des unartikulierten Hintergrundwissens, welches jede soziale Praxis begleitet und kritisiert die Annahme, dass eine zentrale Steuerung gelingen kann.

Likewise, in order for corporate planners to formulate a strategy they would need, among other things, to be in possession of knowledge which is, to a large extent, fundamentally dispersed. Tsoukas (1996: 12)

Hier besteht eine Parallele zu den oben beschriebenen Wissensmärkten. Die Diskurse sind bisher allerdings nicht zusammengeführt, da es sich bei den zuletzt beschrieben Wissensmärkten um pragmatisch geforderte Lösungen von Praktikern handelte.

Willke (1998a) argumentiert systemtheoretisch und weist auf eine Ausprägung der Theorie der Firma hin, die Unternehmen als wissensbasierte Systeme konstruieren.

Dem fügen sich gegenwärtig als vierter Strang Überlegungen an, die vorrangig darauf abstellen, daß Firmen (aber auch andere Organisationen) wissensbasiert arbeiten und gegenüber dem Markt die effizientere Form darstellen, um verteiltes Wissen, vor allem spezialisiertes implizites Wissen, zu koordinieren - eine Fähigkeit, die entscheidend ist, wenn es um die Herstellung komplexer, wissensbasierter Güter geht [...]. (Willke 1998a: 22) 11

Verteiltes Wissensmanagement kann als Antwort auf die Problemlage verstanden werden, dass zentralistische Initiativen und Ansätze bei der Einführung und Stabilisierung von Wissensmanagement wenig erfolgreich waren (Ciesinger et al. 2005: IX).12 Das Thema Verteiltheit hat also sowohl im zuletzt beschriebenen Problemstrang des Wissensmanagements als auch an diesem Punkt der vorliegenden Arbeit noch stark metaphorischen Charakter. Auch werden die Begriffe dezentral und verteilt noch synonym verwendet. Eine präzisere Aufarbeitung derartiger Steuerungsfragen erfolgt in Kapitel 7.

Persönliches Wissensmanagement

Eine andere Form von Wissensmanagement wird sichtbar, wenn man mit der Betrachtung auf der Ebene des Individuums ansetzt. Eine solche psychologische Entwicklungslinie des Wissensmanagements existiert im deutschsprachigen Raum in Ansätzen (Reinmann & Mandl 2004, Reinmann & Eppler 2008 ).

Die Beschäftigung mit persönlichem Wissensmanagement kann als Hinweis auf die Vernachlässigung psychologischer und individuelle Aspekte in der Debatte interpretiert werden und wird ausführlich im nächsten Kapitel aufgegriffen.

Fazit Problembereiche

Der letzte Abschnitt hat verschiedene Problembereiche des Wissensmanagements dargestellt. Die geschilderten Herausforderungen existieren heute parallel weiter, auch wenn weitere Wissensmanagement-Typen ausgerufen werden. Wissensmanagement-Aktivitäten müssen weiterhin strategischen Zielen der Unternehmung dienen, in die wertschöpfenden Prozesse eingebunden sein, Antworten auf den lauter werdenden Ruf nach Marktmechanismen liefern, psychologische Aspekte berücksichtigen und - vielleicht mehr denn je - eine heterogene und verteilte Praxis unterstützen.

2.4 Konzeptionelle Bausteine

In der Einleitung (1.2.1) wurde bereits der Stapel von Theorien beschrieben, mit dem sich wissensrelevantes Geschehen in Organisationen beschreiben lässt. In jeder Schicht gibt es zudem Theorien und Konzepte verschiedener Entwicklungslinien, Schulen und Disziplinen ( Roehl: 2000; Schultze & Leidner 2002, Schultze & Stabell 2004 ). In diesem Sinne hat die geschilderte Wissensmanagement-Historie bereits heute eine Flut an Unterscheidungen, Konzepten und übergeordneten Strukturierungsversuchen in Form von Bezugsrahmen (frameworks, Osterloh & Grand 1995 ) hervorgebracht. Eine vollständige Aufarbeitung erscheint unmöglich und ist auch für die Beantwortung der Forschungsfragen nicht notwendig. Es soll genügen, die wichtigsten theoretischen Versatzstücke darzustellen und deren Zusammenhänge zu skizzieren, um später das Thema Weblogs auf Wissensmanagement beziehen zu können.

2.4.1 Wissensarten

Wissenstheorie (Kübler 2005) ist eine relativ selten verwendete Bezeichnung. In den Primärdisziplinen finden sich andere Wörter, um die Auseinandersetzung damit, was Wissen ist zu bezeichnen (beispielsweise Erkenntnistheorie im Rahmen der Philosophie). Der Reiz, unsere unterste Betrachtungsebene so zu bezeichnen, liegt darin, sich von einzelnen Disziplinen zu lösen und zu veranschaulichen, welche Fragen im Hinblick auf organisationales Wissensmanagement auf dieser Ebene gestellt werden. Die grundlegende Idee, die zur Beschäftigung mit Wissenstheorien führt, ist die folgende: Wenn sich grundlegende, scheinbar natürliche Arten von Wissen unterscheiden ließen, dann ließen sich hieraus möglicherweise Hinweise ableiten, wie mit diesen unterschiedlichen Arten von Wissen in einer Interventionspraxis differenziert zu verfahren wäre. Wissensarten würden so die ,unabhängigen Variablen" des Umgangs mit Wissen darstellen.

Wissenschaftler und Praktiker des Wissensmanagements haben viel Mühe und Zeit aufgewendet, aus den Primärdisziplinen geeignete Konzepte zu rezipieren. So merkt Roehl (2000 : 20) an, dass die Qualität und Quantität derartiger Systematisierungen inzwischen unüberschaubar geworden sei. Blackler (1995: 1032) konstatiert ,Knowledge is multi-faceted and complex, being both situated and abstract, implicit and explicit, distributed and individual, physical and mental, developing and static, verbal and encoded." Romhardt (1998) findet 40 Dichotomien zum Thema Wissen. Seidel (2003: 37 f.) identifiziert über verschiedene Autoren hinweg zwölf Wissenstypen. Roehl (2000 : 21 ff.) hebt sieben betriebswirtschaftliche sowie zwei soziologische Taxonomien hervor und schließt mit einer integrativen Taxonomie ( Krogh & Venzin 1995 ), die aufgrund unterschiedlicher Begriffshistorien eher eine Sammlung als eine Integration darstellt.

Und dennoch wird sich im Zusammenhang mit dem Medium Weblogs die Frage stellen, welches Wissen mit diesem Instrument ,ge-managed" werden kann und welches nicht. Die Frage lässt sich also nicht aussparen. Um an den Wissensmanagement-Diskurs anschlussfähig zu bleiben, ist zunächst die am häufigsten rezipierte Unterscheidung vom implizitem und explizitem Wissen aufzugreifen.13

Implizites und Explizites Wissen

Implizites Wissen legt in einer Unterscheidung zu explizitem Wissen, zunächst rein grammatikalisch nahe, dass Wissen nicht explizit ,vorliegt". Es kann sich dabei um schlichtweg noch nicht expliziertes Wissen handeln. Über Möglichkeiten und Schwierigkeiten, dieses implizite Wissen zu explizieren ist damit noch keine Aussage getroffen. Die Zuschreibung implizit kann also nicht als quasi-natürliche Qualität im Sinne einer Eingangsvariable für Wissensmanagementprobleme von Nutzen sein. Anders verhält es sich mit ,dem" stillen Wissen14 bei Polanyi (1967, 1985) . Dieses Wissen, oder genauer, diese Anteile jedweden Wissens, widersetzt sich naturgemäß einer Explizierung. Es ist also paradox, sich auf dieses Wissen nach Polanyi zu berufen und gleichzeitig eine Konversion in explizites Wissen in Aussicht zu stellen, wie dies in Abschnitt 2.2 beschrieben ist. Dieser Denkfehler wurde mittlerweile von einigen Autoren herausgearbeitet ( Schütt 2003, Schreyögg & Geiger 2005 , Schneider 2007: 116 ). Mit Schauer (2007) muss man weiter fragen, ob stilles Wissen überhaupt relevant für ein betriebliches Wissensmanagement ist.

Tazites Wissen beschränkt sich weitgehend auf alles das, was dem Bewusstsein nicht zugänglich ist. Hierbei aber handelt es sich um für die Management-Aufgabe WM tendenziell wenig relevante Fähigkeiten. (Schauer 2007: 399)

Im Hinblick auf Weblogs ist offensichtlich, dass stilles Wissen keine bedeutende Rolle spielen wird. Die Technik ermöglicht vielmehr das, was einfach expliziert werden kann, auch schnell und kontextualisiert zu explizieren. In diesem Zusammenhang spielt also die prinzipielle Explizierbarkeit (und nicht das faktische Explizieren) von Wissen eine entscheidende Rolle. Ansätze zur Orientierung finden sich bei Rooney und Schneider (2001: 858) unter dem Konzept der ,Kommunizierbarkeit" (communicability15), bei Schauer (2007) sowie bei Reinmann und Eppler (2008) . Die Explizierbarkeit ist nach diesen Erkenntnissen abhängig davon, inwieweit bestimmtes Wissen bewusstseinsfähig und sprachlich artikulierbar ist (vgl. 1.2.2.).

Individuelles und kollektives Wissen

Die nächste wichtige und häufig auf Wissen angewendete Unterscheidung betrifft die bereits in der Einleitung angesprochenen Emergenzebenen Individuum, Gruppe, Organisation, Gesellschaft. Die ersten drei Ausprägungen finden sich so bereits bei Nonaka (1994) modelliert. Noch häufiger wird als Dichotomie individuelles von kollektivem Wissen unterschieden. Mit individuellem Wissen ist personales Wissen (s. 1.2.3) gemeint, über welches ausschließlich einzelne Personen verfügen. Kollektives Wissen demgegenüber meint Wissen, welches von mehreren Individuen geteilt wird - so ist eine gängige Sprachpraxis.

Eine wichtige Frage ist nun, von wie vielen Personen ,ein bestimmtes Wissen" geteilt wird. Pautzke (1989) veranschaulicht diese Frage an seinem Begriff der Wissensbasis (Abbildung 7). Willke dagegen definiert, systemtheoretisch entmenschlicht,16 kollektives Wissen als , das in den gesellschaftlichen Operationsmodus eingegrabene und institutionalisierte Wissen ", welches , in den Operationsformen eines sozialen Systems " gespeichert ist ( Willke 2001a : 35, 313). Er meint damit anonymisierte Regelsysteme, Standardverfahren, Leitlinien, Prozessbeschreibungen und etabliertes Rezeptwissen für bestimmte Situationen (meine Hervorhebungen). Weiterhin Routinen, Traditionen und spezifische Kulturmerkmale einer Organisation (vgl. auch Willke 1998 a: 53). Kollektives Wissen ist demnach Wissen, welches robust ist gegenüber dem Ausscheiden einzelner Mitglieder aus einem Kollektiv, beispielsweise einer Organisation. Es stellt gewissermaßen einen kleinsten gemeinsamen Nenner zur Orientierung dar (vgl. auch den Bereich (1) in Abbildung 7).

Ein so verstandenes kollektives Wissen darf nicht mit einer robusten, in großzügiger Redundanz vorhandenen Fähigkeit zur Problemlösung verwechselt werden.

Schon vor zwanzig Jahren hat James March festgehalten, dass die Intelligenz von Regeln nicht in ihrer Fähigkeit liegt, »richtig verstandene Probleme zu lösen, sondern im Umgang mit der Vielzahl von Problemen, die nur unvollständig verstanden, mißverstanden oder überhaupt nicht gesehen werden« (March 1990: 438 zitiert nach Willke 1998a: 52)

Das folgende Gedankenexperiment kann zur Sensibilisierung für den ,Aufenthaltsort" von Wissen dienen:

Imagine an organization in which all the physical records disintegrate overnight. Suddenly, there are no reports, no computer files, no employee record sheets, no operating manuals, no calendars - all that remains are the people, buildings, capital equipment, raw materials, and inventory. Now imagine an organization where all the people simply quit showing up for work. New people, who are similar in many ways to the former workers but have no familiarity with that particular organization, come to work instead. Which of these two organizations will be easier to rebuild to its former status? Kim (1993: 44, zitiert nach Roehl 2000: 30)

Problematisch wird die Grenzziehung zwischen kollektivem und individuellen Wissen dann, wenn Wissen in Zusammenhang mit kollektiven Leistungen gebracht wird. Damit sind komplexe Leistungen gemeint, die eine Organisation erbringt und bei denen offensichtlich ist, dass sie von einem Individuum nicht erbracht werden könnten ( Romhardt 1998 : 54, Willke 1998a : 94). In vielen Fällen ist die Erstellung dieser komplexen Leistungen nicht mehr robust gegenüber dem Wegfall einzelner Personen. Es muss dann von einer starken Beteiligung komplementären individuellen Wissens ausgegangen werden.17

Neben den vorgestellten, prominentesten Unterscheidungen, möchte ich noch einige weniger häufig rezipierte Möglichkeiten zur Dekonstruktion von Wissensphänomenen vorstellen, die mir im Hinblick auf die Explizierung von Wissen als wichtig erscheinen.

Weitere Wissensarten

Prozedurales Wissen oder Handlungswissen lässt sich von deklarativem Wissen unterscheiden, womit in den Kognitionswissenschaften Ryles (Ryle 1949) Trennung von 'knowing how' und 'knowing that' weitergeführt wird ( Willke 1998a: 12 ). Deklaratives Wissen gilt als leichter verbalisierbar, während prozedurales Wissen als zeitlich stabiler beschrieben wird ( Rooney & Schneider 2001, Meyer 2002 ). Letzteres gilt sicherlich für psychomotorische Gedächtnisinhalte (beispielsweise Schwimmen, Radfahren), für selten durchgeführte Bedienprozeduren technischer Systeme kann dies nicht unterstellt werden. Selbst Piloten verwenden Checklisten, und an einem PC sporadisch - oder gar nur einmalig - durchgeführte Prozeduren sind ohne Nachschlagen häufig kaum mehr erinnerbar. Genau solche Prozeduren finden sich typischerweise in informationstechnischen Online-Medien wie Mailinglisten und Newsgroups (2.6.2) und stellen deshalb auch einen Kandidaten für Weblog-Inhalte dar. Nach Meyer (2005) enthält das deklarative Gedächtnis neben einem semantischen Gedächtnis das episodische Gedächtnis ( Tulving 2002 ). Letzteres speichert persönlich Erlebtes in einem zeitlichen Kontext. , Das episodisch autobiografische Gedächtnis besteht aus singulären Ereignissen, die man nach Zeit und Ort spezifizieren kann " ( Markowitsch 2002 : 88 zit. nach Meyer 2005 : 6). Weblog-Einträge könnten in diesem Zusammenhang als Spuren des individuellen, digitalisierten Arbeitsflusses und damit als explizierter Teil des episodischen Gedächtnisses verstanden werden.

Ein weiterer Typ von Wissen, der im Zusammenhang mit Wissensmanagement Prominenz erlangt hat, ist narratives Wissen, welches auch in Organisationen dazu dienen kann, Erfahrungen zu vermitteln ( Schreyögg & Geiger 2005 : 446, Erlach & Thier 2003, Reinmann-Rothmeier & Vohle 2001). Schreyögg und Geiger (2005) weisen darauf hin, dass sich narratives Wissen sensu Lyotard (1999) vom stillen Wissen Polanyis ( 1967, 1985) unterscheiden lässt. Narratives Wissen legitimiere sich über wiederholtes Weitererzählen selbst und ist im Gegensatz zu wissenschaftlichem Wissen nicht an spezielle Geltungsansprüche und Legitimationsverfahren gebunden.18 Inwieweit in einer postmodernen, pluralistischen Gesellschaft für wissenschaftliches Wissen sensu Schreyögg und Geiger (2005) über Prüfverfahren letztlich Einigkeit hergestellt werden kann, ist bei einer solchen Grenzziehung zu hinterfragen. Das Kriterium der Viabilität (von Glaserfeld 1996; vgl. 1.2.2) böte hier einen Ausweg, der jedoch weiter in die Erkenntnistheorie hineinführen würde, als dies hier notwendig ist.

Wissen als ablehnbares Wissen

Einen ganz anderen Weg, Wissen in Organisationen zu unterscheiden geht Baecker (1998) . Er hebt darauf ab, dass jede Organisation die eigene Entscheidungsautonomie erhalten muss und deshalb darauf angewiesen ist, Wissen auch ablehnen zu können. Trotz dieses systemtheoretischen Unterbaus wirken zumindest seine Wissensarten verständlich und sind zudem direkt auf das Wissensmanagement in Organisationen bezogen. Sie stellen deshalb die letzten hier vorgestellten Kandidaten für eine Betrachtung von Weblogs. Baecker unterscheidet:

Es fällt auf, dass sich das Expertenwissen nicht leicht als Wissen über etwas beschreiben lässt, sondern durch seine Spezialisierung und die Tatsache, dass es, sensu Baecker, grundsätzlich Wissen über Unternehmensumwelten darstellt (Baecker 1998: 8). Die Organisation entscheidet nun, im systemtheoretischen Sinne, autonom, ob dieses Expertenwissen verwendet werden soll oder nicht. Folgt man dieser Differenzierung und der hier nicht weiter ausgeführten Argumentation Baeckers, dann wird erklärbar, warum Wissensmanagement sich heute mit Produktwissen und Expertenwissen beschäftigt bzw. ausschließlich damit beschäftigen kann. Andernfalls würde die Organisation ihre Autonomie und damit ihren Bestand gefährden. Baeckers Beitrag ist vor diesem Hintergrund hilfreich für die Analyse interner, schriftlicher Unternehmenskommunikation. Es ist zu erwarten, dass gerade eine dauerhaft sichtbare Online-Kommunikation sensibel ist für diese Unterschiede. So sollte sich vor allem Produkt- und Expertenwissen niederschlagen, während die anderen Wissensformen seltener auftreten und bei Explikation beispielsweise Legitimationsdialoge auslösen.

Nichtwissen, Komplexität und Spezialisierung

Schließlich lässt sich Wissen von Nichtwissen abgrenzen (vgl. Spencer-Brown 2004; Luhmann 1992, Luhmann 2000; Willke 2001b, Baecker 1998 ). Schneider (2006a) geht das Thema Wissensmanagement von dieser anderen Seite der Unterscheidung aus an und verweist zunächst auf den Sinn von Wissensspezialisierung in einer arbeitsteiligen Gesellschaft. Im Rahmen stark positivistischer Wissensmanagementansätze ist dies keinesfalls eine Selbstverständlichkeit, da mehr Wissen selten mit negativen Folgen verbunden wird. Dies führt im Extremfall zu der - in der Praxis gar nicht so seltenen - Forderung, dass möglichst alle Mitarbeiter alles wissen wollen, können oder sollen.21 In einem aufgeklärten Wissensmanagement muss also erfolgreich zwischen Wissen und Nichtwissen abgewogen werden. Nicht jede zur Verfügung gestellte Information muss zwangsläufig von möglichst vielen, oder gar allen, Organisationsmitgliedern beachtet werden. Die Kunst besteht in einer geeigneten Selektion der Möglichkeiten.

2.4.2 Wissensprozesse als Basisaktivitäten des Wissensmanagements

Nach der Aufarbeitung der strukturellen Eigenschaften von Wissen stellt sich die Frage, wie die Wissensbewegungen (Reinmann-Rothmeier 2001) beschrieben werden können. Es geht sozusagen um die Verben des Wissensmanagements. Auch hier zeigt sich eine Vielfalt an Modellierungsversuchen, die allerdings überschaubarer als die der Wissensarten ist. Einige Wissensmanagementmodelle sind sogar ausschließlich als Prozessmodelle umgesetzt. Die diesbezüglich prominentesten Vertreter im deutschsprachigen Raum sind Probst et al. (1997 ). Die Autoren unterscheiden als Prozess-Bausteine22 das Identifizieren, Erwerben, Entwickeln, (Ver-)Teilen, Nutzen, Bewahren und das Bewerten von Wissen sowie die Definition von Wissenszielen.23 Es gibt eine Reihe weiterer Prozessmodelle für das Wissensmanagement, die teils differenzierter teils reduzierter ausfallen. Alle nehmen letztlich metaphorisch Anleihen an planbasierten Managementprozessen oder mentalen Lernprozessen (vgl. 3.1.3). Gerade in ,Praxismodellen" werden diese Rückbezüge jedoch eher selten expliziert.

Ich möchte mich für die weitere Analyse auf ein ,Minimalmodell" beschränken, welches außer einem generellen Nutzenbezug die beiden grundlegenden Zielrichtungen Innovation und Replikation aus Abschnitt 2.1 wiedergibt. Zur Erreichung dieser Ziele werden die zwei Grundformen der Kommunikation unterschieden von denen die mediierte asynchrone Kommunikation dem Forschungsgegenstand Weblogs entspricht. Es entstehen so die fünf Basisaktivitäten des Wissensmanagements,24 die in Abbildung 8 dargestellt sind.

Kodifizieren meint dabei die Materialisierung von (persönlichem) Wissen in einem Artefakt und schließt die digitale Speicherung in Form von In-form-ation (sic!) ein. In vielen Fällen handelt es sich dabei um einen Text oder eine schematische Darstellung, die neben ikonischen Anteilen beschriftete Elemente enthält. Es wird also ein transferierbares Objekt erzeugt. Im Falle von Weblogs handelt es sich dabei überwiegend um vergleichsweise kurze Texte.

Konversieren bezieht sich auf einen Dialog zwischen Personen, der zeitsynchron, also in ,gemeinsamer Echtzeit" geführt wird ('same time' Achse in O'Hara-Deveraux und Johansen 1994) und damit die Möglichkeit zum Nachfragen, Korrigieren etc. bietet. Der Dialog kann durchaus durch Telefon oder ein Computersystem mediiert sein. Entscheidend ist für mich in diesem Zusammenhang die Möglichkeit der direkten Interaktion mit dem Gegenüber. Sicherlich kann diese harte Trennung durch ein Kontinuum, beispielsweise im Sinne der Media Richness Theory (Daft & Lengel 1986), ersetzt werden. Durch meine Begriffswahl25 möchte ich den Unterschied gegenüber der Kodifizierung betonen, der entsteht, wenn Informationen zum asynchronen Abruf abgelegt werden. Unter Kodifizierungsprozessen verstehe ich die in 1.2.2 beschriebenen Aktivitäten zur Materialisierung von Wissen in einem Symbolsystem, also die ,Umwandlung" in Information.

Auf der nächsten Ebene wird der in Abschnitt 2.1 beschriebene Zielfokus von Wissensmanagement repräsentiert. Der Aktivitätstyp Wissen entwickeln soll Aktivitäten umfassen, bei denen neues Wissen entsteht. Akzeptiert man die Vorstellung, dass Wissen letztlich immer einem Individuum entspringt ( Reinmann & Eppler 2008 ; von Glasersfeld 1996), dann sind hier insbesondere die Maßnahmen angesprochen, die kreative, mentale Prozesse unterstützen (Invention) und deren Ergebnisse bezogen auf Unternehmenszwecke weiterentwickeln (Innovationsmanagement). Da Inventionen häufig durch Konversationen angestoßen werden, lassen sich hier auch Interaktionsmethoden für Gruppen als ,wissensgenerierenden Praktiken" ( Schreyögg & Geiger 2005 ) subsumieren. Weniger der begrifflich kaum lösbare Konflikt, wie sozial oder individuell nun Wissensentwicklung generell ist (vgl. 1.2.2), steht Pate für diese Basisaktivität, sondern die Kontrastierung mit dem nächsten Prozess.

Wissen teilen beschreibt das Phänomen, dass Wissen, welches zunächst einer Person zugeschrieben wurde, nach bestimmten Aktivitäten bei mehreren Personen beobachtet werden kann. Alternativ kann auch von Wissen vermitteln, Wissensaustausch26 oder Wissenskommunikation (vgl. 3.1.3) gesprochen werden, womit eine Nähe zu lernpsychologischen und pädagogischen Basiskonzepten ausgedrückt wird. Wie auch immer dieser Prozess im Detail zu beschreiben ist, aus betriebswirtschaftlicher Sicht erscheint es unstrittig, dass es unternehmerische Situationen gibt, bei denen es eher auf das Replizieren ,eines" bestimmten Wissens ankommt, als auf Innovationen27 (vgl. 2.1.) Vorsicht ist bei der Substantivierung Wissensteilung geboten. Sie kann einerseits auf den eben beschriebenen Prozess verweisen, andererseits aber, analog zur Arbeitsteilung, als Spezialisierung verstanden werden.

Die vier Prozesse sind bewusst in der dargestellten Weise angeordnet, um bestimmte Zweck-Mittel-Relationen zu betonen. Neues Wissen kann sowohl durch den Umgang mit kodifiziertem Wissen entstehen (1) als auch aus Konversationen (2). Die Wahrscheinlichkeiten mögen von Fall zu Fall, von Organisation zu Organisation und von Wissenstyp zu Wissenstyp variieren. Analoges gilt für das Teilen von Wissen. Sowohl über direkte Konversationen (3) als auch über den Umweg der Materialisierung (4) kann Wissen geteilt werden. Für den letzteren Fall muss jedoch, ein letztes Mal, auf die systematische Überschätzung durch die Unternehmenspraxis hingewiesen werden, was die Leistungsfähigkeit dieses Weges angeht. Um zu betonen, dass das in einer Organisation vorhandene Wissen idealerweise unternehmerischen Zwecken dienen soll und dies keineswegs automatisch durch die bloße Existenz einer organisationalen Wissensbasis (vgl. Abbildung 7) gewährleistet ist, wird die Kategorie Wissen nutzen aufgenommen (vgl. Probst et al. 1998, Reinmann-Rothmeier 2001). In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass Willke (1998b: 165) einer ,intelligenten" Organisation die Fähigkeit zuschreibt, bzgl. Nutzung und Generierung von Wissen eine selbstverstärkende Rekursivität zu entwickeln. Dieser Zusammenhang ist also selbst mit dem Minimalmodell darstellbar.

An den Kernprozessen sind üblicherweise unterschiedliche und unterschiedlich viele Akteure beteiligt. Wissensmanagement soll ja gerade die wissensteilige Koordination unterstützen und verbessern, so dass beispielsweise das von einem Akteur entwickelte Wissen an anderer organisatorischer ,Stelle" genutzt werden kann. Damit steht nun ein stark vereinfachtes Framework zur Verfügung, um Wissensprozesse in Organisationen grob zu beschreiben.

2.4.3 Gestaltungsfelder, Transparenz und Vernetzung

Eine Alternative zur prozessorientierten Modellierung von Wissensmanagement besteht darin, die Gestaltungsfelder28 zu modellieren, von denen man annimmt, dass sie die beschriebenen Wissensprozesse beeinflussen. Zur Jahrtausendwende habe ich selbst an der Erstellung eines solchen Modells mitgearbeitet (Ehms & Langen 2000). Auf der obersten Abstraktionsebene wirken die wenigsten der gewonnenen Einflussfaktoren wie Strategie, Struktur, Kultur, Führung usw. wissensspezifisch. Die Nähe zu vergleichbaren Strukturmodellen aus dem Qualitätsmanagement (EFQM 1999) ist dabei nicht zufällig. Spezifisch wissensorientierte Aspekte kommen erst in detaillierteren Stufen der Modellierung zum Vorschein. Schon bei der Konstruktion des Modells hatten wir wiederholt mit, von uns so genannten ,querliegenden Aspekten" zu tun, die sich weder in die Logik der Gestaltungsfelder noch in eine Prozesslogik ,sauber" einfügen ließen. Es handelt sich dabei um strukturelle Phänomene wie Wissenstransparenz und Vernetzung. Der Faktor Transparenz ist in vielen Modellen indirekt als Prozesselement enthalten, beispielsweise bei Probst et al. (1998) als Wissensidentifikation und bei Reinmann-Rothmeier (2001) im Rahmen der Wissensrepräsentation (vgl. auch Heisig 2009). Hier ist aber eher ein strukturelles Element, im Sinne eines gewissen Grades an Transparenz als Ergebnis von Wissensmanagement-Aktivitäten gemeint. Wir hatten uns deshalb auch gegen die Aufnahme als Gestaltungsfeld entschieden, und auch auf der nächstspezifischen Modellebene kommt lediglich ein assoziiertes Thema (Übersichten - Wissenslandkarten) vor. Transparenz schien uns auf einer anderen logischen Ebene zu liegen und zwischen den Gestaltungsmöglichkeiten des Wissensmanagements und den Geschäftsergebnissen zu vermitteln. Aus Gründen der Praxistauglichkeit wurde das Thema damals nicht ausmodelliert.

Das Phänomen der Vernetzung ist auch bis heute meines Wissens in keinem Wissensmanagement-Modell explizit repräsentiert (vgl. beispielsweise Vagenas 2008). Selbst in der umfassenden Analyse von Heisig (2009) werden Vernetzen als Aktivität und Netzwerke als förderliches, strukturelles Element in 160 Frameworks nur jeweils einmal registriert. Die Vernetzung von Mitarbeitern wird eher in Zusammenhang gebracht mit informellen Strukturen (Meinsen 2003: 140 ff.), generellen Koordinationsmechanismen (vgl. ) oder dem Wissensbegriff selbst (1.2.3). Ansätze finden sich bei Müller (2007), die Vernetzung als ein Untersuchungsfeld der Selbstorganisation anführt. Das gesellschaftlich schon länger diskutierte Phänomen (Castells 2001) hat bislang kaum Eingang in die Systematisierungen von Wissensmanagement gefunden.

Den Versuch, ein eigenes, umfassenderes Modell von Einflussfaktoren zu entwickeln bzw. das KMMM® (Ehms & Langen 2000) weiterzuentwickeln unternehme ich hier nicht.29 Um einen Rückbezug der zu erwartenden Erkenntnisse des Weblog-Einsatzes auf das organisationale Wissensmanagement zu ermöglichen, erscheint mir das vorgestellte Minimalmodell mit fünf Basisaktivitäten und den zuletzt formulierten, strukturbezogenen Anmerkungen ausreichend.

2.4.4 Fazit Wissen und Wissensmanagement

Dem bestehenden Diskurs um Wissensmanagement ein handhabbares begriffliches Instrumentarium abzugewinnen, bleibt eine schwierige Aufgabe. Ich habe versucht, mich im letzten Abschnitt auf das Notwendigste zu beschränken und doch die Breite des Themas zu erhalten. Die bei diesem Versuch extrahierten Konzepte und Modellelemente sollen ein Vokabular darstellen, mit dem das Phänomen Weblogs auf die Praxis-Disziplin Wissensmanagement bezogen werden kann.

Auch für die Wissensmanagement-Praxis selbst lässt sich etwas festhalten. Es ist nicht verwunderlich, dass viele Umsetzungsversuche bereits in der Konzeptionsphase in eine Schieflage geraten, die im weiteren Verlauf selten korrigiert wird. Gründe finden sich in der oft widersprüchlichen Theorielage, die erst durch eine historische Rekonstruktion der Begriffe verstehbar wird. Durch dieses Verständnis sind die Widersprüche längst nicht gelöst, wie es viele Praktiker erwarten. Dies gilt in besonderer Weise für den Wissensbegriff. Eine Entscheidung für eine bestimmte Konstruktion ist immer auch eine Entscheidung gegen die anderen Konzepte. Sie wird damit zur risikoreichen Selektion (Schmidt 1988: 43), die nur mit genauer Kenntnis des zu lösenden Wissensproblems vertretbar ist.30 Insofern wird Wissensmanagement umso schwerer umsetzbar sein, je genereller der Ansatz gewählt wird. Erschwerend hinzu kommt die ,Stofflosigkeit" des Wissens (Hube 2005: 26), für die es eher in Bildungsinstitutionen als in (Güter) produzierenden Gewerben einen kompatiblen Hintergrund gibt.31

2.5 Wissensmanagement für Wissensarbeiter

Mehrfach wurde das Thema Wissensarbeit erwähnt. Zum einen als gesellschaftliche Entwicklung (1.2.5), zum anderen im Rahmen von Wissensmanagement (Abschnitt 2.2). Ein Wissensmanagement, welches auf verbesserte Problemlösungen in dynamischen Umwelten32 zielt, steht vor qualitativ anderen Herausforderungen als ein Wissensmanagement, welches auf eine effiziente Distribution von Daten fokussiert. Letzteres erscheint durch den geschickten Einsatz von Informationstechnik, nach einem industriellen Produktionsparadigma, plandeterministisch durchführbar. Klagen über das Scheitern vieler Wissensmanagement-Projekte ( Mühlethaler 2005 : 78; Schneider 2006a : 32, Schmiede 2006 : 473), sprechen allerdings selbst unter dieser Zielsetzung eine andere Sprache. Nicht nur wegen der Misserfolge, auch wegen der zunehmenden Bedeutung von Wissensarbeit, ist es wichtig, Wissensmanagement aus dieser Perspektive neu zu betrachten (vgl. 1.2.5). Sollte also Wissensmanagement zukünftig eher als Unterstützung von Wissensarbeitern betrachtet und gestaltet werden? Eine Auseinandersetzung mit der Idee der Wissensarbeit erscheint angeraten.33

2.5.1 Begriffsbestimmung Wissensarbeit

Diskurse zur Wissensarbeit finden sich gegenwärtig unter verschiedenen Perspektiven. Auf makro-soziologischer Ebene, werden Veränderungen der Arbeitswelt globalisierter Gesellschaften beschrieben, häufig vor dem Hintergrund der zunehmenden Bedeutung des ,Produktionsfaktors Wissen" (vgl. Machlup 1962, Bell 1985, Drucker 1999, Castells 2001, Schultze 2003).

Wilkesmann (2005) unterscheidet drei länger existierende Diskurse zum Thema Wissensarbeit: einen betriebswirtschaftlichen, einen arbeitssoziologischen und einen systemtheoretischen Diskurs. Der systemtheoretische Diskurs versucht sowohl die Ebene der Gesellschaft mit ihren Subsystemen als auch die Ebene einzelner Organisationen zu erfassen.34 Der betriebswirtschaftliche Diskurs konzentriert sich auf die Ebene der Organisation, während die hier zitierten arbeitssoziologischen Arbeiten den Anspruch haben, alle drei Ebenen (Gesellschaft, Organisation und Mitarbeiter) in ihren Zusammenhängen darzustellen. Als detaillierte Betrachtung lässt sich die Arbeit von Hube (2005) anfügen, die eine arbeitswissenschaftliche Perspektive einnimmt. Mir geht es zunächst um die Ebene organisationaler Einheiten, die versuchen, Wissensmanagement einzuführen und dabei auf strukturelle Widerstände stoßen, die, so soll gezeigt werden, mit den Eigenschaften von Wissensarbeit zusammenhängen. Dabei verwende ich Elemente aus allen oben genannten Diskursen. Die tätigkeitsorientierte Mikroperspektive wird im nächsten Kapitel aufgegriffen.

Wilkesmann (2005 : 60) versteht unter Wissensarbeit eine Tätigkeit, ,deren Mittel und Zwecke nicht programmiert sind [...] und die deshalb konstitutiv darauf angewiesen ist, dass zum einen der Tausch von Daten oder Informationen und zum anderen die interaktive Generierung neuen Wissens erfolgen". Um eine Abgrenzung zu tayloristischer Arbeit zu schaffen, wurde die Offenheit (,nicht programmiert") von Zwecken und Mitteln als Definitionskriterium aufgenommen. Durch den Bezug zu Interaktionen, die den Austausch von Daten35 und die Entwicklung neuen Wissens umfassen, ist diese Definition in besonderer Weise anschlussfähig an meine bisherigen Betrachtungen.

Hube (2005) beschreibt und bewertet verschiedenste Begriffe von Wissensarbeit und entsprechende Analysemethoden aus einer arbeitswissenschaftlichen Perspektive. Er fordert eine soziotechnische,36 prozessorientierte und gestaltungsbezogene Betrachtung, die gerade nicht standardisierbare Tätigkeiten untersuchbar macht und kommt zur folgenden Definition:

Wissensarbeit sind geistig objektivierende Tätigkeiten, die neuartige und komplexe Arbeitsprozesse und -ergebnisse betreffen, die äußere Mittel zur Steuerung der Komplexität und ein zweifaches Handlungsfeld benötigen.37 (Hube 2005: 61)

Damit werden zwei weitere Aspekte eingeführt bzw. betont: Neuartigkeit und Komplexität. Die Dimension der Neuartigkeit subjektiviert Hube, macht sie also vom individuellen Vorwissen des Mitarbeiters abhängig. Dies ist wichtig für organisationales Wissensmanagement, da es ja Ziel sein kann, in solchen individuell neuartigen Situation organisational verfügbares Wissen zu nutzen. Für den Begriff der Komplexität unterbleibt leider eine vergleichbare Festlegung. Er scheint jedoch objektivierend verwendet zu werden, da auf viele dynamisch verknüpfte Einflussfaktoren verwiesen wird. Durch die Dimension der Komplexität soll erreicht werden, dass auch bestimmte manuelle Tätigkeiten zur Wissensarbeit gezählt werden können. , Ein Chirurg leistet demnach bei einem schwierigen Eingriff ebenso Wissensarbeit wie ein Forscher oder Entwickler" (Hube 2005: 36).38

Für Willke schließlich (1998a : 21) steht die kontinuierliche Revisionsbedürftigkeit von Wissen im Zentrum seines Begriffs von Wissensarbeit. Eine einmalig erworbene professionelle Expertise, die in der weiteren Biographie nur noch angewendet wird, würde demnach nicht zur Wissensarbeit beitragen. Aus psychologischer Perspektive handelt es sich hierbei um eine idealisierte Denkfigur, da sich Erfahrungslernen beim Menschen kaum verhindern lässt. Die Schwerpunktsetzung Willkes wird dennoch ersichtlich. Es geht bei Wissen immer auch um Nichtwissen, Selektion und Risiko. Er spricht von organisierter Wissensarbeit, wenn der Prozess des Organisierens (Weick 1985) genutzt werden soll, um dieses Wissen produktiv werden zu lassen. Organisationen, die den Spagat zwischen individuellem und organisationalem Wissen meistern, bezeichnet er als intelligente Organisationen.39

Demgegenüber läßt sich heute sehen, daß die eigentliche Schwierigkeit des Aufbaus organisationaler Intelligenz als Rahmen für Wissensarbeit darin besteht, eigenständige Expertise in die anonymisierten, transpersonalen Regelsysteme der Organisation einzubauen. Damit ist nicht gemeint, daß diese organisationsspezifische Wissensbasierung unabhängig von Personen überhaupt zustande kommt oder operiert, sondern daß sie unabhängig von spezifischen Personen ist, also im Sinne einer "collective mind" (Weick und Roberts 1993) oder einer institutionalisierten Regelstruktur wirkt, welche das Handeln der Mitglieder mit einem hohen Grad an Erwartbarkeit und Resilienz anleitet. ( Willke 1998b : 168)

Der Verweis auf ein ,collective mind" im Rahmen einer systemtheoretischen Betrachtung überrascht auf Grund des metaphorischen Charakters. Zu erklären ist dies vermutlich dadurch, dass die ,erforderlichen Organisationsmechanismen für eine effektive Koordination von Wissensarbeit erst in schemenhafter Form existieren" (Roehl 2000: 34), die traditionellen Koordinationsinstrumente jedoch wirkungslos bis kontraproduktiv zu sein scheinen.

Aus den obigen Ausführungen ist ableitbar, dass ein Wissensmanagement, welches Tätigkeiten unterstützen soll, die den Charakter von Wissensarbeit tragen, scheitern muss, wenn es als zentralistisches, planrationales Projekt angelegt wird. Wissensarbeit widersetzt sich schon alleine aus Gründen der Nicht-Standardisierbarkeit von Arbeitsprozessen einem solchen Unterfangen. Klassische Methoden planbasierten Vorgehens und deren Nachfolger sind in diesen Zusammenhängen kritisch zu hinterfragen. Und so zweifelt auch Davenport an der Wirksamkeit traditioneller Reengineering-Methoden, wenn er bemerkt: , In knowledge work, however, the nature of the activity and the people who perform it resist heavily structured, standardized approaches" (Davenport et al. 1996).

Grundlegend erschwert also die materielle Stofflosigkeit des Faktors Wissen eine detaillierte Kontrolle und Messung und verhindert eine industrielle Steuerung von Wissensarbeit ( Hube 2005: 26 , Howaldt & Kopp 2005: 7). Inwieweit dann Vorgehensmodelle zum Wissensmanagement selbst Gegenstand von Standardisierungsbemühungen sein sollten (BSI 2001, CEN 2004, Heisig 2009), sei kritisch dahingestellt und hier nicht weiter vertieft (vgl. Kapitel 7).

2.5.2 Kontrolle von Wissensarbeit - Verdichtung, Vermarktlichung, Informatisierung

Schließt man an die obigen Ausführungen an, so sieht es auf den ersten Blick so aus, als ergäben sich für den Wissensarbeiter große Freiräume, nahezu frei von Kontrolle und Fremdsteuerung, in denen es möglich und erwünscht sein müsste, Wissen zu teilen bzw. mit in Zusammenarbeit mit Kollegen neues Wissen zu entwickeln. Müssen wir also einfach abwarten, bis digital unterstützte Wissensarbeit in Organisationen überwiegt, und die geschilderten Probleme mit Wissensmanagement haben ein Ende?

In diesem Zusammenhang möchte ich betonen, dass sich das generelle Verständnis von Wissensmanagement und die dargestellten Konzepte erst in Ansätzen in diese Richtung entwickeln. Als Beitrag hierzu werden nun, aus techniksoziologischer Sicht, mitlaufende Entwicklungen angerissen, an denen sich ein Wissensmanagement für Wissensarbeiter mit hoher Wahrscheinlichkeit ohnehin auszurichten hat.

Wissensarbeit findet in immer stärker verdichteten Arbeitstätigkeiten statt (Willke 2001b: 10, Schneider 2006b: 29). Durch globale Datennetze und die Ausbreitung der IuK-Technologien wirken Raum und Zeit zunehmend verdichtet bzw. beschleunigt (Vogl 2006: 44 ff., Schmiede 2006 : 462). Diese Verdichtung wirkt in besonderer Weise auf digitale Wissensarbeit,40 für die der vernetzte PC mit den einschlägigen Anwendungsprogrammen das wichtigste Arbeitswerkzeug darstellt. Man ist ,in Echtzeit" zumindest potenziell mit Kollegen, Projektpartnern und Kunden verbunden und kann prinzipiell jederzeit von beinahe überall her kontaktiert, unterbrochen oder kontrolliert werden. Die Problematik verschärft sich in ,multi-task" ( Wilkesmann 2005 : 62) oder Mehrprojekt-Szenarien.

Eine parallel zur Verdichtung zu beobachtende Entwicklung ist eine sich ausbreitende Ökonomisierung,41 verstanden als ein Primat von Wettbewerbs- und Markt-Logik oder Marktförmigkeit ( Pfeiffer 2003 : 194), welches keineswegs an der Systemgrenze von Organisationen und Unternehmen halt macht ( Geramanis 2001: 133 ). Schmiede (2006: 457) spricht in diesem Zusammenhang von einer im Inneren von Organisationen vielfach spürbaren, neuen Unmittelbarkeit der Ökonomie. Diese Entwicklung begann mit den Modellen der ,lean production" und führt bis heute zu einer kontinuierlichen Verlagerung von Verantwortung und Spielräumen auf Abteilungen, Gruppen bis hin zu einzelnen Arbeitskräften. Die Spielregeln ( Wilkesmann 2005 : 65) in dergestalt vermarktlichten Organisationseinheiten entstammen entsprechend der Marktlogik, das heißt, für immer feingranularere Transaktionen wird ein ökonomisch-rationales Kalkulieren gefordert. Für Vormbusch (2005) wird dieses Bild erst vollständig, wenn man die Internalisierung der ,kalkulativen Praktiken des Accounting" (S. 2) durch die Beschäftigten mit in die Betrachtung einbezieht.

Um im Bild zu bleiben: das Accounting verlässt das Büro des Controllers nur, um in den Köpfen jedes einzelnen Beschäftigten eine Dependance zu eröffnen. ( Vormbusch 2005 : 3)

Die geschilderten Phänomene von technischer Durchdringung, Verdichtung und Ökonomisierung bedingen sich wechselseitig, was im Konzept der Informatisierung (Schmiede 2006) zum Ausdruck kommt. Besonders deutlich zeigt sich dies in integrierten betriebswirtschaftlichen Informationssystemen wie beispielsweise SAP R/3. Ökonomische Logik und technische Repräsentation fallen zusammen und wirken bis in die kleinsten betrieblichen Einheiten hinein, wodurch eine neue Qualität der Verschränkung von Organisation und Informationstechnologie erreicht wird ( Pfeiffer 2003 ).

Es soll hier keinem Technikdeterminismus (Pfeiffer 2004: 49) das Wort geredet werden. Zum einen wird auch Technologie von Menschen, Gruppen und Organisation gemacht, zum anderen von ihnen, mehr oder weniger freiwillig, angenommen oder abgelehnt. Dennoch ist eine Verdichtung und Beschleunigung, wie wir sie heute erleben, ohne die entsprechenden technischen Infrastrukturen undenkbar. Wie wirken die geschilderten Entwicklungen nun auf das Wissensmanagement und seine Basisaktivitäten?

2.5.3 Fazit Wissensarbeit

Für den einzelnen Mitarbeiter dürfte es unter den geschilderten Rahmenbedingungen zunehmend schwieriger werden, Wissen zu teilen, falls dies einen kurzfristig zu leistenden Zusatzaufwand bedeutet, wo von in den meisten Fällen mit bisherigen Wissensmanagement-Instrumenten auszugehen ist. Dies gilt sowohl für eine adressatengerecht aufbereitete Explizierung als auch für persönliche Wissenskommunikation (s. 3.1.3), die prinzipiell nicht ex ante berechenbar und terminierbar sind. Wie soll er die Transaktionskosten (Williamson 1990, Coase 1937) für den Wissenstransfer berechnen und auf welchen ,Konten" sind sie zu verbuchen? Es geht bei dieser Argumentation nicht um eine triviale und individualisierende Begründung, die jedes soziale Handeln unter ein rationales Kalkül stellt oder die Weitergabe von Wissen gar als ,unnatürlichen Akt" brandmarkt (Booz, Allen & Hamilton zitiert nach Seidel 2003: 98).42 Vielmehr ist von einen stetig anwachsenden Rechtfertigungsdruck und einem immer feingranularerem Controlling auszugehen, der einer natürlichen Kommunikationsbereitschaft Grenzen setzt.

Durch Techniken wie Zielvereinbarungen, Budgetierungen, Kennziffern, Balanced Scorecards oder Auditierung werden Wissensprozesse ökonomisch rechenschaftspflichtig gemacht (Vormbusch 2004: 33f.). Die wachsende ,Macht der Zahlen" (Wagner 2005) schafft dabei unhintergehbare Muster für das Agieren in einer Organisation. (Schilcher 2006: 222)

Wenn die Schilderung von Wissensarbeit (2.5.1) zutreffend und die obige Argumentation auch nur ansatzweise schlüssig ist, dann kann es nicht verwundern, dass unzählige Wissensmanagementversuche gescheitert sind und immer noch Scheitern, bei denen Ego sein Wissen43 hauptsächlich für Alter bereitstellen soll. Selbst wenn es sich um prinzipiell explizierungsfreundliches Wissen handeln sollte, wird es zunehmend unwahrscheinlicher, das Ego im verdichteten Tagesgeschäft die Zusatzaufwände tragen wird, deren Rendite irgendwann, irgendwo, unkalkuliert(!) in der Organisation anfällt.

Die skizzierten Entwicklungen auf Organisationsebene sollen deutlich machen, dass ein Wissensmanagement, welches organisierte Wissensarbeit wirkungsvoll unterstützen soll, kein Wissensmanagement ,von oben" sein kann, welches sich auf die Standardisierung von Arbeits- und Kommunikationsprozessen stützt. Phänomene wie Verdichtung, Informatisierung und organisationsinterne Vermarktlichung schaffen zusätzliche Rahmenbedingungen, die auch für Wissensmanagementinitiativen nicht hintergehbar sind (Green 2004: 88 ff.). Der mitunter immer noch propagierte Einsatz von individuellen Anreizen (,incentives") zur Förderung von Wissensmanagementaktivitäten ist nicht nur wegen einiger motivationspsychologischer Nebenwirkungen problematisch (vgl. Liebrich 2006, Wenger 2003) und wirkt häufig schon mittelfristig dysfunktional. Langfristig sind derartige Versuche angesichts der geschilderten übergeordneten Entwicklungen mit Sicherheit zur Wirkungslosigkeit verurteilt.

Im folgenden sollen deshalb die Nutzenpotenziale von Weblogs als eine andere Form der Infrastruktur für Wissensmanagement beleuchtet werden. Es steht die Unterstützung eines verteilten und persönlichen Wissensmanagements im Vordergrund, dessen Legitimierung durch den Wissensarbeiter selbst erfolgt und die deshalb besondere Anforderungen an ihre technische Infrastruktur stellt. Mit anderen Worten: Der Wissensarbeiter muss selbst über den Einsatz seiner Informationsverarbeitungswerkzeuge entscheiden und diese bei Bedarf entsprechend anpassen (können).

2.6 Weblogs als Infrastruktur für organisierte Wissensarbeit

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass die entstehende Skizze von Potenzialen generisch angelegt ist. Es wird in dieser Arbeit kein spezifisches Wissensmanagementproblem spezifiziert, wie dies für ein konkretes Projekt unbedingt anzuraten wäre. Auf Basis der dem Wissensmanagement abgerungenen Konzepte einerseits (Abschnitt 2.4) und den rahmenden Entwicklungen andererseits (Abschnitt 2.5), lassen sich jedoch allgemeine Potenziale für den Einsatz von Weblogs als Wissensmanagementinstrument skizzieren. Passend zu diesem Anliegen beschreibt Schmiede (2006: 477) Wissensmanagement als einen ,Dachbegriff für zahlreiche Anstrengungen vor allem in der Privatwirtschaft", bei denen es darum geht, ,vorhandene Daten- und Wissensbestände in der Organisation ebenso wie externe Zugänge technisch zu unterstützen und in integrierten Systemen zu vereinigen."

 

2.6.1 Personalisierbarkeit von Weblogs

Offensichtlich ist, dass Weblogs eine Explizierungsinfrastruktur darstellen und im Modell (Abbildung 8) die Pfade (1) und (4) unterstützen können. Insoweit können diese Bereiche des Wissensmanagements weiter exploriert und auf Potenziale untersucht werden, solange diese nicht mit den (gesamten) Wissensmanagement-Optionen einer Organisation oder eines Organisationsteils gleichgesetzt werden darf.

Aus der vorliegenden Argumentation folgt außerdem, dass eine technische Unterstützung für zeitgemäßes und zukünftiges Wissensmanagement in erster Linie heterogene und kaum standardisierbare Arbeitsprozesse berücksichtigen muss. Die Aufgabe der lokalen Implementierung wird damit größtenteils zur Herausforderung für die einzelnen Wissensarbeiter selbst.44 Diese individuelle Integration ist dann eine notwendige - keinesfalls eine hinreichende - Bedingung für einen zusätzlichen Nutzen auf Organisationsebene. Durch eine solche Integration von unten ( Böhle 2008 ) lässt sich das Problem der Geschäftsprozessintegration (vgl. 2.3) mittelbar lösen, indem unmittelbar organisierte Wissensarbeit und persönliches Wissensmanagement (s. Kapitel 3) unterstützt werden. Wir nehmen also stärker den einzelnen Mitarbeiter mit seinen wissensintensiven Tätigkeiten und den daraus resultierenden Anforderungen in den Blick. Damit eine solche individuelle Integration gelingen kann, muss eine technische Infrastruktur bzw. ein IT-Werkzeug entsprechende Möglichkeiten der Personalisierbarkeit (Großmann & Koschek 2005) ermöglichen. Am Beispiel persönlicher Weblogs lässt sich diese Personalisierbarkeit herausarbeiten und an anderen Anwendungsklassen spiegeln.

Ein unmittelbarer Personenbezug ist bei Weblogs über die Beiträge gegeben, da sie, im Gegensatz zu Kommentaren, nur vom Besitzer45 des Weblogs verfasst werden können. Bezüglich der Form der eingegebenen Inhalte verhalten sich die meisten Weblog-Plattformen relativ neutral und so lassen sich Beiträge von wenigen hundert Zeichen bis zu mehreren Bildschirmseiten publizieren, die zusätzlich Abbildungen enthalten können. Auf andere Inhalte und Anwendungen kann über URLs verwiesen werden. Die meisten Weblog-Systeme stellen im Rahmen der Erstellung von Beiträgen hierfür Nutzerdialoge bereit, um Referenzen auch ohne die Formulierung von HTML-Syntax hinterlegen zu können.

Für die Kategorisierung der Beiträge steht in den meisten Fällen eine freie Verschlagwortung (tagging) zur Verfügung. Der Weblog-Besitzer kann also unabhängig von kontrollierten Vokabularen oder anderen Vorgaben Metainformationen vergeben. Zusätzlich zu diesen Kernfunktionen bieten die meisten Plattformen weitere Leistungsmerkmale, die einzeln aktiviert bzw. deaktiviert werden können. Üblich sind Linklisten46 zu beliebigen anderen Webpräsenzen, Widgets47, die Inhalte aus anderen Webanwendungen anzeigen und die Möglichkeit, das Design des Weblogs anzupassen.

Je größer der Verbreitungsgrad der zugrunde liegenden technischen Plattform, desto mehr funktionale Erweiterung (Plug-ins) stehen in der Regel zur Verfügung. Im ,Extremfall" lässt sich ein persönliches Weblog zum persönlichen Portal ausbauen, welches Daten aus verschiedenen, web-basierten Anwendungen48 aggregiert darstellt. Dies erfordert dann in der Regel ein weitergehendes Verständnis vom Weblog-Besitzer. Auf das Thema RSS49, welches mit den letztgenannten Möglichkeiten zusammenhängt, werde ich hier nicht eingehen, da das Publizieren im persönlichen Weblog im Vordergrund steht. Abbildung 9 stellt die Merkmale nochmals zusammenfassend dar.

2.6.2 Personenbezug und Personalisierbarkeit etablierter IT-Infrastrukturen

Spätestens an dieser Stelle stellt sich die Frage, ob nicht bereits etablierte Tools den bisher geschilderten Anforderungen entsprechen, oder, anders formuliert, warum gerade Weblogs Lösungspotenziale für ein Wissensmanagement unter den geschilderten Bedingungen bieten sollen. Die Frage wird durch eine knappe Kommentierung der wichtigsten, vergleichbaren, technischen Wissensmanagement-Tools beantwortet. Die Kommentare beziehen sich auf E-Mail, ,Intranet", Yellow Pages und Foren für Communities.50

E-Mail

E-Mail wird häufig als ,Killer-Applikation" des Wissensmanagements bezeichnet (Ducheneaut & Bellotti 2001). Dies ist in zweierlei Hinsicht zutreffend. Einerseits dürfte E-Mail tatsächlich die am intensivsten genutzte Kommunikationsanwendung sein, die auf Internet-Technologie aufsetzt. E-Mail wird innerhalb, außerhalb und zwischen Organisationen genutzt. Berichte über die Informationsüberflutung durch elektronische Post weisen aber auch auf eine inflationäre Nutzung des Mediums hin. E-Mail ist zweifellos ein Medium mit starkem Personenbezug. Die Inhalte sind zunächst nur für den Absender und die Adressaten zugreifbar. Eine Kategorisierung lässt sich mit den Mitteln des jeweils eingesetzten Clients individuell gestalten. Statische Verknüpfungen zu anderen Anwendungen lassen sich ebenfalls, zumindest bei manchen Clients, erstellen und verwalten.

Andererseits ,killt" E-Mail aber auch die Potenziale des Wissensmanagements, die auf Vernetzung und Transparenz bezogen sind (2.4.2) dadurch, dass die Inhalte von E-Mails unsichtbar für andere Organisationsmitglieder sind. Für persönliche Kommunikation ist dies sicherlich erwünscht und entspricht der Briefmetapher. Für Massen-Mails trifft diese aber schon nicht mehr zu. Auch persönliche Kategorisierung-Schemata und Linklisten unterliegen häufig nicht der Notwendigkeit nach Privatheit. Sie könnten problemlos publiziert werden, wenn dies technisch mit minimalem Aufwand vorgesehen wäre. Letzteres gilt insbesondere, wenn E-Mail als komfortables, weil mit wenigen Mausklicks erreichbares, Trägermedium für weitere digitale Inhalte verwendet wird. Auf diese Anhänge oder Referenzen möchte man zwar bestimmte Adressaten hinweisen, man würde diese häufig ohne weiteres auch Dritten zur Verfügung stellen, wenn dazu keine zusätzlichen Handlungsschritte erforderlich wären. Ich denke dabei an den Versand von vergleichsweise kurzen Mitteilungen, die im wesentlichen Hinweise auf Informationsressourcen einschließlich einer kurzen Bewertung/Kommentierung enthalten. Zusätzlich zu den bereits erwähnten Massen-Mailings füllt dieser Inhaltsform große Teile der meisten elektronischen Postfächer und ist für ein Referenzieren und Kommentieren durch Dritte verloren.

E-Mail wird als persönliches Kommunikationsmedium zur persönlichen Punkt-zu-Punkt-Kommunikation sicherlich erhalten bleiben. Es lässt aber genügend Raum, bestimmte Inhalte über geeignetere Infrastrukturen zu (ver-)teilen, die der Mail hinsichtlich Referenzierbarkeit, erweiterter Kommentierbarkeit sowie Metainformation (Kategorisierung) überlegen sind. Die quantitative Entlastung des Mediums E-Mail würde vermutlich dem Wunsch vieler Nutzer entsprechen.

Interne Web-Seiten - Intranet

Auch die Bereitstellung von Informationen über Webserver und Webbrowser ist selbstverständlicher Stand der Technik in Organisationen. Zunächst wurden statische Web-Seiten von speziell ausgebildeten Mitarbeitern (webmasters) gepflegt. Die Verwaltung von Webpräsenzen mit einer zwei- oder gar dreistelligen Anzahl von statischen51 Einzelseiten ist jedoch unkomfortabel und fehlerträchtig. Aus diesem Grund werden Intranetauftritte heute in den meisten Fällen mit server-basierten Content-Management-Systemen (CMS) realisiert. Was sich jedoch trotz technischem Fortschritt erhalten hat, ist die Einschränkung der Bearbeitungsrechte auf einen kleinen Personenkreis von Redakteuren, meist in Zusammenhang mit einem mehrstufigen Redaktionsprozess / Freigabeprozess. Mit solchen Systemen erstellte Webseiten weisen nur in Einzelfällen eine Kommentarfunktion auf, was heute ebenfalls weniger eine technische Einschränkung als vielmehr ein Merkmal des typischen Anwendungsfalles ist.52 Die Kategorisierung der Inhalte erfolgt meist in einer einheitlichen, systemweit gültigen Taxonomie oder Schlagwortwelt.

Den meisten Firmen-Intranets liegt auch heute noch eine Logik zugrunde, bei denen die Inhalte nur von wenigen ausgewählten Mitarbeitern veröffentlicht werden dürfen. Die technische Basis von aktuellen Content-Management-Systemen und Weblog-Plattformen ist mittlerweile recht ähnlich, weshalb Weblog-Software treffend auch als Mini-CMS (Computerwoche.de 2008) bezeichnet wird. Insofern kann die zunehmende Verbreitung von Weblogs auch als Amateurisierung des Intranet-Redakteurs verstanden werden. Eine Personalisierung von Inhalten und Strukturen ist in klassischen Intranet-Systemen nicht vorgesehen.

Persönliche Homepages und Yellow Pages

Ein Sonderfall der im letzten Abschnitt dargestellten Intranetseiten stellt die Idee der persönlichen Homepages dar (Döring 2002, Baier 2005). Hier gilt technisch-funktional im Wesentlichen das, was für Intranetseiten allgemein gesagt wurde. Als technisch statische Seiten war die direkte Pflege für viele Mitarbeiter nicht möglich. In der Realisierung durch klassische Content-Management-Systeme haftete auch diesen Seiten häufig ein Freigabeprozess an. Auch war häufig nicht klar, welchen Mehrwert eine persönliche Seite im Intranet haben sollte, die als zusätzliches Artefakt, unabhängig vom sonstigen, persönlichen Informationsmanagement gepflegt werden sollte und musste.

Von den zuletzt geschilderten unstrukturierten Informationen, meist längere oder kürzere Texte, lassen sich Web-Anwendungen unterscheiden, denen ein vordefiniertes, relativ starres Datenmodell zugrunde liegt. Diese strukturierten Informationen werden dann zwar ebenfalls im Webbrowser angezeigt, es steht jedoch der Datenbank-Charakter im Vordergrund. Vielfach wird diese Anwendungsklasse als Wissensdatenbanken beschrieben. Unabhängig von epistemologischen Bauchschmerzen (vgl. 1.2.2) ist diese Bezeichnung auch aus technologischer Sicht problematisch, liegt doch nahezu allen dynamischen Webanwendungen eine Datenbank zugrunde. Man tut also gut daran, die Bezeichnung ,Datenbank" als (vor)strukturierte Ablage- und Abfrage-Möglichkeit von Information zu verstehen.

Die im Zusammenhang mit Wissensmanagement am häufigsten technisch realisierte Form dieser Anwendungen stellen unternehmensinterne Gelbe Seiten (Yellow Pages) dar, die als datentechnisch strukturierte Form persönlicher Homepages betrachtet werden können. Das Potenzial wurde besonders in der maschinell auswertbaren Repräsentation von Kompetenzinformationen gesehen, um im Bedarfsfalle schnell geeignete ,Human-Ressourcen" ausfindig machen zu können. Eine solche strukturierte Suche setzt jedoch die Einigung auf das erwähnte Datenmodell voraus, was letztlich auf die Frage nach einem geeigneten und technisch abbildbaren(!) Kompetenzmodell hinausläuft. Nicht wenige Ansätze dürften bereits in dieser Phase fehlgeschlagen sein. Ein solches Modell, wird es technisch erfolgreich implementiert, ist bei der Pflege von der Akzeptanz der Mitarbeiter abhängig, die sich in den vorgegebenen Kompetenzkategorien wiederfinden müssen. Einige Ansätze scheinen auch an der mangelnden Einbindung des Betriebsrates gescheitert zu sein (Wilkesmann 2002: 1).

Der Vergleich mit den statischen Webpages trägt letztlich paradoxe Züge. Erstere waren zwar inhaltlich flexibler und damit prinzipiell individualisierbar, technisch aber für viele Mitarbeiter nicht zu pflegen. Web-Anwendungen wie Yellow Pages waren zwar im technischen Sinne dynamisch, die zugrunde liegenden logischen Modelle waren jedoch zu statisch. Für beide Ansätze galt, dass die Inhalte ohne Einbindung in die Routinen des informationellen Tagesgeschäftes (vgl. Kapitel 3) schnell veralteten. Aktuell ist es still um diese ,Wissensmanagementlösungen" geworden.

Foren für Communities

Communities of Practice werden seit Wenger (1998) als prominentes Lösungsmuster für das Management von Wissen in und zwischen Unternehmen behandelt. Als technische Infrastruktur kommt hier häufig Foren-Software zum Einsatz, die eines oder mehrere virtuelle Diskussionsforen nachbildet. In Unternehmen werden meist web-basierte Anwendungen bevorzugt. Vom Einsatz spezifischer Client-Applikationen, wie NNTP News Reader53 liest und hört man seltener. Auch hier zeigt sich die Konvergenz zum Universal-Client Webbrowser. Was die Gliederung der Inhalte in diesem Medium angeht, so wird hier auf die Metapher einer thematischen Diskussion gesetzt. Jeder Nutzer kann einen Startbeitrag schreiben, der das Thema vorgibt. Dieser Beitrag hat häufig die Form einer Frage und sollte zum durch das Forum vorgegebenen Themenfeld passen.54 Die Antworten anderer Nutzer werden dann unter diesem Startbeitrag angezeigt, je nach Plattform unterschiedlich eingerückt. Da es auch möglich ist, auf Antworten zu antworten, entstehen bei umfangreicheren Diskussionen zuweilen recht unübersichtliche, baumartige Gebilde (threaded discussion).

Im Gegensatz zu persönlichen Weblogs haben die Startbeiträge eines Forums verschiedene Autoren. Ein Diskussionsforum kann so nicht als individuelles Arbeitsmittel einer Person aufgefasst werden. Innerhalb eines Forums existieren üblicherweise keine weiteren Kategorisierungsmöglichkeiten, schon gar keine individualisierbaren. Funktionale Erweiterungen sind ebenfalls nicht vorgesehen. Als Verknüpfungselement zu anderen Web-Anwendungen stehen Hyperlinks zur Verfügung.

Es ist zu erkennen, dass Newsgroups / Diskussionsforen einer anderen Logik folgen als Weblogs. Die Autorenschaft der Beiträge und damit auch deren Kommunikationsstil ist heterogen. Eine individuelle Integration in persönliche Workflows im Sinne einer persönlichen Plattform war nie das Ziel für diese Softwareanwendungen. Sie können natürlich eine wichtige Quelle für fachliche Anstöße, Fragen und Antworten sein, haben aber nicht den Charakter eines persönlichen Kommunikationskanals. Es ist weiterhin üblicherweise nicht vorgesehen, aus dem Gesamtartefakt, Startbeitrag plus Kommentare, den Eigenanteil eines Autors zu extrahieren und als eigenen Inhaltsfluss zu publizieren.55 Für die Aggregation im Sinne eines Zusammenhaltens der eigenen Beiträge gab es zur Entstehungszeit der Foren-Software keine etablierten technischen Standards. Arbeitet ein Mitarbeiter nun intensiv an verschiedenen Themen, so ist eine Zusammenschau der eigenen Beiträge schwer möglich. Sie sind über verschiedene Startbeiträge und Antworten/Kommentare verteilt, möglicherweise noch über verschiedene Foren oder gar über verschiedene Infrastrukturen (Foren-Software, Forumsfunktionalität in einem Dokumentenmanagement-System, etc.).

Exkurs zur Attraktivität von Foren-Software im Wissensmanagement

Foren-Software war für einige Jahre die Infrastruktur, die mit Wissensmanagement in Verbindung gebracht wurde. Warum war dies so? Zunächst einmal war Foren-Software ungefähr zu der Zeit bereits verbreitet, zu der firmeninterne Communities als Lösung für viele wissensrelevante Herausforderungen populär wurden. Einige Hersteller integrierten entsprechende Funktionalitäten in ihre Dokumentenmanagement- oder Kollaborationsprodukte.56 Außerdem dürfte sich aus der Form des Frage-Antwort-Spiels ein Teil der Attraktivität erklären. Aus Sicht eines Mitarbeiters, der Wissen sucht, ist die Vorstellung, eine Frage (ein-)zu stellen und darauf eine spezifische Antwort zu bekommen, attraktiv. Anders sieht es vermutlich für denjenigen aus, der die Frage beantworten soll. Für eine sehr spezifische Frage kann ein Mitarbeiter vielleicht noch beiläufig, das heißt, ohne Recherche- und Aufbereitungsaufwand, eine Antwort verfassen. Für komplexere, kontextspezifische Probleme ist die Frage zwar noch einfach zu stellen (Beispiel: ,Wie führe ich Wissensmanagement ein?"), eine kurze, befriedigende Antwort ist jedoch in diesen Fällen nicht möglich. Es müsste nachgefragt werden, gemeinsames Vorwissen identifiziert werden usw. Das heißt, ein Nutzen kann nur entstehen, wenn die Teilnehmer an einem solchen Forum schon über einen großen geteilten Kontext im Sinne eines entsprechend kompatiblen Vorwissens verfügen. Nur dann kann eine kurze Antwort den erhofften hohen Nutzen (,Mehrwert") schaffen. Dieser Umstand ist bei vielen technischen ,Detail-Fragen" gegeben, da sie sich beispielsweise auf eine spezifische Software(komponente), Programmiersprache oder Ähnliches beziehen.

Eine besondere Variante im Wissensmanagement sind sogenannte 'Urgent Requests'. Es handelt sich dabei um dringende Anfragen, die möglichst vielen oder gar allen Mitarbeitern auf einer entsprechenden Plattform präsentiert werden. Das Vorgehen ist auf Grund von betriebswirtschaftlichen Aufwands-Nutzen-Betrachtungen als fragwürdig einzustufen. Es müssten zusätzlich die folgenden Fragen beantwortet werden: (a) Wie viele Mitarbeiter lesen die Frage und können sie nicht beantworten? (b) Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Mitarbeiter, die die Frage beantworten können, den Beitrag lesen? (c) Welcher Aufwand ist bei einer schriftlichen Beantwortung der Frage zu erwarten? Die Fragen (a) und (b) laufen letztlich auf den Grad der (thematischen) Vernetzung der Mitarbeiter und deren Selektionsprozesse bzgl. den von ihnen rezipierten Informationen hinaus. Nachdem nicht jeder Mitarbeiter alle Themen verfolgen kann - und aus betriebswirtschaftlichen Effizienzgründen auch nicht soll - muss das Medium geeignete thematische Filtermechanismen bei hinreichend vielen Teilnehmern bieten. In Internetforen wird dies erreicht, durch eine hohe Spezifität des Themas einerseits und eine sehr große kritische Masse an Teilnehmern andererseits (vgl. Döring 2001). Diese Bedingungen dürften in den wenigsten Unternehmen gegeben sein.

2.7 Fazit

Das zurückliegende Kapitel hat deutlich gemacht, dass Wissensmanagement unter den Bedingungen organisierter, informatisierter und ökonomisierter Wissensarbeit bereits vor anderen Herausforderungen steht, als dies zur Jahrtausendwende der Fall war. Dennoch können einige generische Modelle und Unterscheidungen, die die Disziplin hervorgebracht hat, weiter genutzt werden. Zusätzlich sind in jedem Fall die unter dem Schlagwort Wissensarbeit dargestellten Entwicklungen zu berücksichtigen. Lösungsversuche, die auf das überwiegend altruistisch motivierte Explizieren von Wissen in den beschriebenen Infrastrukturen bauen, müssen vor dem Hintergrund der organisierten Wissensarbeit als naiv bezeichnet werden. Sie bleiben bestenfalls wirkungslos, schlimmstenfalls zerstören sie Ansehen und Glaubwürdigkeit von Wissensmanagement-Programmen. In dieser Situation für eine weitere Anwendungsklasse von Explizierungsinfrastrukturen zu sprechen, erscheint zunächst gewagt. Im letzten Abschnitt wurden deshalb persönliche Weblogs über die Beschreibung von Personalisierbarkeit und Personenbezug im Vergleich mit etablieren Werkzeugen legitimiert.

 

 

 


1. Das heißt, meine Gliederungspunkte entsprechen in den meisten Fällen nicht dem Umfang der existierenden Primärliteratur, sondern sollen einer logischen Balance folgen.

2. Eine Innovation verdient ihren Namen nur dann, wenn sie entsprechend akzeptiert/verbreitet wird, daher die vorsichtige Ausdrucksweise.

3. Eigentlich: reduktionistisch-deterministisch; reduktionistisch ist eher ein Terminus aus der Wissenschaftstheorie. Die Beinahe-Tautologie mechanisch-deterministisch beschreibt meines Erachtens eher die unterstellte oder erwünschte Steuerungspraxis.

4. Erst seit kurzem wird der Fall ,zu viel Wissen" im Rahmen von Wissensmanagement diskutiert. Vor allem von Schneider (2007, 2005).

5. Die volkswirtschaftliche Diskussion um den Produktionsfaktor Wissen beginnt früher, vgl. 2.3.2.

6. Beispielsweise durch den ,3nd International Workshop on Service-Oriented Knowledge Management (SOKM'09)" im Jahre 2009 (IEEE 2009).

7. Diese Formulierung soll sowohl auf soziale als auch informationstechnische Gestaltungsmöglichkeiten hindeuten.

8. Im Einzelnen sind dies: W-Identifikation, W-Bewahrung, W-Nutzung, W-(Ver)teilung, W-Entwicklung, W-Erwerb (W = Wissen).

9. Märkte dienen zunächst dem Tausch von Gütern. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass sich zum Zusammenhang zwischen der Entwicklung neuen Wissens und Wissensmärkten kaum Literatur findet.

10. Der Begriff ,Kontext" bleibt auch bei diesen Autoren unscharf, wenngleich sie ihn für den (technischen) Kontext semantischer Interoperation definieren als ,explicit representation of a community's interpretation schema" ( Bonifacio, Bouquet & Traverso 2002 : 27).

11. Nebenbei ist hier interessant, dass hier der Organisation - klassischerweise assoziiert mit dem Koordinationsmechanismus Hierarchie - Effizienzvorteile zugeschrieben werden, während anderenorts (vgl. , 2.5.2) gerade auf interne Marktmechanismen zur Koordination gesetzt wird.

12. Dieser Befund gilt möglicherweise für die Unternehmenssteuerung generell.

13. Für quantitative Analysen siehe Heisig (2007, 2009)

14. Synonyme: tacit knowledge, tazites Wissen, stillschweigendes Wissen.
Der deutsche Titel des Buchs ,The tacit dimension" ( Polanyi 1967 ) lautet ,Implizites Wissen" ( Polanyi 1985 ). In englischen Publikationen taucht häufig die Bezeichnung 'implicit knowledge' auf, die sich jedoch bei Polanyi originär nicht findet (Grant 2007). Um Missverständnissen vorzubeugen, müsste man im Deutschen die Bezeichnung stille Wissensanteile verwenden, was allerdings etwas umständlich klingt.

15. Vgl. Zander und Kogut (1995: 81) und deren Dimensionen: Codifiability, Complexity, Teachability, System Depenence, Parallel Development, Product Observability.

16. Das System besteht aus Kommunikationen und nicht aus Personen (Luhmann 2006).

17. Ähnliche Überlegungen finden sich in den Kognitionswissenschaften und der Pädagogischen Psychologie unter dem Schlagwort 'distributed cognition' (vgl. Gaiser-Sander 2003: 276). Diese Ansätze wurden in der Wissensmanagement-Literatur vergleichsweise wenig rezipiert.

18. Siehe kritisch hierzu Schneider's Replik ( Schneider 2007 ).

19. Es sei denn, der Experte entscheidet selbst, ohne weitere Kommunikation.

20. Umwelt ist hier als System-Umwelt zu verstehen, also alles, was nicht Organisation ist.

21. Zu praktischen Konsequenzen für das Wissensmanagement siehe Schneider (2006a: 15).

22. Die Bausteine des Wissensmanagements sind als Substantive formuliert und sollen Handlungsfelder symbolisieren, deren reine Ablauflogik durch (unsteuerbare) Rückwirkungen durchbrochen wird (Romhardt 1998: 75).

23. Längst nicht jedes Modell expliziert diese abstrahierten Tätigkeiten. Von den 160 in Heisig (2009) gesammelten Modellen sind 39 reine Enabler-Modelle, das heißt., sie enthalten Strukturelemente, deren Vorhandensein bzw. Ausgestaltung einem Wissensmanagement dienlich sein soll (s. beispielsweise Ehms und Langen, 2000).

24. Und nicht: Kernprozesse einer Unternehmung!

25. Dies schließt die Wahl einer alten, weniger stark vorbelegten Benennung ein. Konversieren stammt vom lateinischen ,conversari" ab und meint, laut Duden, bildungssprachlich: ,Konversation machen". Letzteres passt gut zum aktiven Dialogcharakter der hier zum Ausdruck gebracht werden soll.

26. Nach Kienle (2003: 129) ,ist Wissensaustausch als metaphorische Abkürzung für den Informationsaustausch zur gegenseitigen Anregung von Wissensentwicklung zu verstehen".

27. Bewusst steht hier Innovation im Gegensatz zur Invention des vorherigen Absatzes, da hier die organisatorische Leistung im Vordergrund steht

28. Synonyme: Gestaltungsfelder, Faktoren, enabler.

29. Es müsste mindestens die wichtigsten Wissensarten, eine angemessene Anzahl von Strukturelementen (enabler) und Prozesselementen enthalten.

30. Ergänzend ist eine periodische Beobachtung der anderen Seite der begrifflicher Entscheidungen im Sinne Romhardts (1998) Spielbrettern oder Schneiders (2006a) Ansatz anzuraten.

31. Wissen ist sozusagen ,Antimaterie" der Produktion, welche auf die Handhabung von Gütern (,Materie") ausgerichtet ist.

32. Plural im Sinne von Technologie, Markt und Gesellschaftliche Rahmenbedingungen als Umwelten

33. Vgl. auch Röll 2004.

34. Es ist ja gerade Sinn und Zweck systemtheoretischer Begriffsbildung, die Phänomene unterschiedlicher Emergenzebenen mit einem Vokabular zu beschreiben.

35. Wilkesmann spricht von Informationen, wenn ein gemeinsames Hintergrundwissen vorausgesetzt wird (Wilkesmann 2005 :59).

36. Im Original: ,ganzheitliche"

37. Neben dem faktischen Handlungsfeld werden im Referenzhandlungsfeld werden Handlungen am Bezugsproblem antizipiert, um die zukünftigen Handlungsmöglichkeiten des geistig Arbeitenden zu definieren. (Hube 2005 : 60)

38. Vgl. auch die Schilderung der Aufgaben von Chirurgen im Klassiker zum Knowledge Work von Peter Drucker (1999)

39. Zur Koppelung von Wissensarbeit und Wissensorganisation s. Roehl (2000: 33)

40. Im Sinne von digital unterstützter Wissensarbeit. Siehe aber auch die Erwähnung manueller, komplexer Tätigkeiten unter 2.5.1).

41. Es scheint als seien mittlerweile beinahe alle Lebenszusammenhänge vom Auswuchern des ökonomischen Kalküls betroffen (Boulding 1986). Hier erfolgt die Konzentration auf organisierte Arbeit.

42. Wenn überhaupt, müsste von einem un-kultürlichen Akt die Rede sein, da Organisationen kontingente Gebilde und nicht von der Natur gestaltet werden.

43. So der häufige, generelle Anspruch an Wissensmanagement, der bei Howaldt und Kopp (2005) zurecht als exzessives Wissensmanagement kritisiert wird.

44. Ausgenommen hiervon sind bestimmte technische Integrationsaspekte, die 3.3 behandelt werden.

45. Im Firmenkontext wird gerne das englische Wort ,owner" verwendet. Gemeint ist damit die Person, die, abgesehen vom Systemadministrator, die umfassendsten Berechtigungen bei Konfiguration und Nutzung eines Weblogs hat.

46. Im Weblog-Jargon auch als Blogrolls bezeichnet und letztlich nichts anderes als eine Liste von URL-Referenzen, an einem privilegierten Ort im User-Interface.

47. Kleinere, rechteckige Bildschirmbereiche (boxes), mit eigener Funktionalität

48. Anwendungen meint hier dynamisch erzeugte Webseiten, die nicht mehr als einzelne Seiten wie Dokumente erstellt und verändert werden, sondern anwendungsfallspezifische Nutzerschnittstellen bereitstellen

49. Real Simple Syndication oder Rich Site Summary, je nach Lesart und Version des entsprechenden XML-Standards.

50. Roehl (2000) nennt als Instrumente der technologischen Infrastruktur: Intranet, Internet, Datenbank, Expertensystem, Organizational Memory

51. Mit statisch ist hier gemeint, dass der HTML-Code vom Bearbeiter direkt, ggf. mit einer speziellen Client-Software, bearbeitet wird und der Webserver im Wesentlichen nur eine Speicher- und Auslieferungsfunktion übernimmt.

52. Natürlich integrieren mittlerweile zunehmend Hersteller klassischer Content-Management-Systeme Weblog-Funktionalitäten in ihre Kernprodukte.

53. Die ursprüngliche technische Realisierung erfolgte nicht mit dem Transportprotokoll HTTP (HyperText Transport Protocol), sondern mit NNTP (Network News Transport Protocol). Ursprünglich war von 'newsgroups' die Rede.

54. Es gehört vor allem in den Newsgroups zur Kultur, konsequent darauf hinzuweisen, die Fragen in der richtigen Newsgroup zu stellen. Veteranen dieser Kultur bemängeln mitunter die diesbezüglich nachlassende Disziplin, die mit dem technischen Umstieg auf web-basierte Plattformen und der damit verbundenen Popularisierung des Formats einhergeht.

55. Hier sind Diskussionsforen eher ähnlich zu Wikis, die häufig zusätzliche Diskussionsseiten bieten. Die eigenen Beiträge sind zwar technisch zu extrahieren, dies dient aber bestenfalls zur gezielten Nachforschung nach bestimmten Änderungen, nicht jedoch zu Publikation des Eigenanteils für Dritte.

56. Ein Beispiel ist das Produkt Livelink der Firma Opentext. Hier können Diskussion genauso leicht angelegt werden, wie Dokumente, URLs etc. Eine Aggregation der nun über das System verstreuten ,Diskussionsschnipsel" ist m.W. aber nicht vorgesehen.